In der Telefonkonferenz zu den Zahlen des dritten Quartals hat Tesla bestätigt, dass das Unternehmen an einem eigenen, KI-basierten Karten- und Navigationssystem arbeitet. Die erste Version, die damit ausgeliefert wird, ist FSD v15. Ashok Elluswamy, Vizepräsident für KI, antwortete auf die Frage eines Aktionärs ohne Umschweife:
„We should not depend on external providers' maps.“
(Wir sollten nicht von den Karten externer Anbieter abhängig sein.)
Der Aktionär hatte drei alte Schwächen von FSD angesprochen: ungenaue Erkennung von Tempolimits, ungeschicktes Einparken und umständliche Routenwahl. Elluswamy stimmte zu und sagte, die selbst gebaute Karte ziele genau darauf ab.
Wofür die neue Karte zuständig ist
Nach den bisher öffentlichen Angaben baut das neue System die Karte aus Straßendaten, die die gesamte Flotte automatisch erfasst. Verzeichnet werden Durchschnittsgeschwindigkeiten, Stoppschilder, Ampeln und Parkplätze; markiert werden außerdem Schlaglöcher, schlecht einsehbare Ein- und Ausfahrten sowie gefährliche Kreuzungen. Elluswamy betonte, es handle sich um eine neue Architektur und nicht bloß um den Austausch eines Kartensatzes.
Die Einführung läuft in zwei Schritten. FSD v15 übernimmt zunächst die beiden Phasen Start und Ankunft einer Fahrt; in den folgenden Monaten sollen Navigation, Parken und der Umgang mit dem Zielort schrittweise dazukommen. Das System soll zudem die Fahrvorlieben der Besitzer lernen und auf Sprachbefehle reagieren; beim Parken lässt sich einstellen, ob der nächstgelegene freie Platz oder ein barrierefreier Platz bevorzugt wird.
Die heutige Tesla-Navigation ist ein Flickenteppich: Google liefert Basiskarte, Straßen, Satellitenbilder, Points of Interest und Verkehrslage, während Tesla die Navigations-App schreibt und die Routen berechnet. 2022 kamen bis zu drei alternative Routen hinzu, in diesem Sommer folgte die Funktion „bevorzugte Route“. Ersetzt werden soll nun die unterste Schicht, die externen Daten.
Vom „großen Fehler“ Karte zur eigenen Karte
Reiht man Teslas Aussagen zu Karten aneinander, ist der Kurswechsel beträchtlich.
Als Autopilot 2015 vorgestellt wurde, bewarb Tesla die eigene hochauflösende Karte als 100-mal detaillierter als gewöhnliche Navigationskarten. Beim Autonomy Day 2019 nannte Elon Musk hochgenaue Fahrspurkarten dann einen „huge mistake“ und eine „very bad idea“, weil die Abhängigkeit von Karten das autonome Fahren brüchig mache. Seither verkauft Tesla den rein kamerabasierten, kartenarmen Ansatz als Alleinstellungsmerkmal.
Diesmal lässt die Formulierung Spielraum. Tesla spricht nicht von zentimetergenauen HD-Karten, sondern betont Flottendaten und KI-Architektur. Im Ansatz ähnelt das Waymo, das zuerst Sensorfahrzeuge durch die Städte schickt. Der Unterschied: Teslas Serienfahrzeuge haben kein Lidar, wie detailliert die Karte werden kann, hängt also davon ab, wie viel sich aus Kameradaten rekonstruieren lässt.
Was den Kurswechsel antreibt
Auch der äußere Druck wächst. Eine belgische Verkehrssicherheitsorganisation testete FSD in einer 30-km/h-Zone in Brüssel: Auf 55 % der Strecke fuhr das System zu schnell, im Schnitt mit rund 44 km/h. Ein Grund war, dass das Display auf dem größten Teil der Strecke ein Limit von 50 km/h anzeigte.
Auch die US-Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA prüft, ob sie wegen überhöhter Geschwindigkeit von Tesla-Robotaxis in Schulzonen eine Untersuchung einleitet; es geht um etwa 1000 Model Y und Cybercab. Die Sache steht noch im Bewertungsstadium.
Auch der Zeitplan rutscht nach hinten. FSD ohne Fahrerüberwachung wird auf das zweite Quartal 2027 verschoben und zunächst nur der Robotaxi-Flotte zugänglich gemacht; Fahrzeuge normaler Besitzer gehören nicht zur ersten Gruppe.
Für Fahrer in China ist die Karte vorerst ohne Belang. Der FSD-Start dort verlief ohnehin holprig; die neue Karte setzt auf Daten der Auslandsflotte und müsste bei der Einfuhr zudem chinesische Vorgaben zu Kartierungslizenzen und Datenabfluss ins Ausland erfüllen. Tesla hat nicht gesagt, in welchen Regionen und wann v15 ausgespielt wird; das lässt sich derzeit nicht überprüfen.
Quellen: DigitalToday, CocoLoop, Qudong China, Tesla-Telefonkonferenz zum dritten Quartal; zur Prüfung von Streckenanteil und Durchschnittsgeschwindigkeit wurde der Testbericht der belgischen Verkehrssicherheitsorganisation herangezogen.