Am 19. März gab das US-Justizministerium die Anklage gegen drei Personen bekannt, darunter einen Mitbegründer von Supermicro (Super Micro Computer).
Die Anschuldigung: Verschwörung zum illegalen Export von NVIDIA-AI-Servern im Wert von rund 2,5 Milliarden US-Dollar nach China unter Verstoß gegen US-Exportkontrollbestimmungen.
Damit wird der größte AI-Chip-Schmuggel in der US-Geschichte aufgedeckt.
Die drei Hauptfiguren
- Yih-Shyan "Wally" Liaw: Mitbegründer von Supermicro, ehemaliger Senior Vice President für Geschäftsentwicklung, US-Bürger, in Kalifornien festgenommen und gegen Kaution auf freiem Fuß.
- Ruei-Tsang "Steven" Chang: General Manager der taiwanesischen Tochtergesellschaft von Supermicro, taiwanesischer Staatsbürger, in Untersuchungshaft.
- Ting-Wei "Willy" Sun: Drittanbieter-Makler, taiwanesischer Staatsbürger, in Untersuchungshaft.
Den drei werden unter anderem folgende Straftaten vorgeworfen: Verstoß gegen den Export Control Reform Act (ECRA), Warenschmuggel und Täuschung der US-Regierung.
Wie das Schema aufgebaut war
Das gesamte Schmuggelschema war mehrschichtig und recht raffiniert aufgebaut.
Schritt eins: Bestellungen über Briefkastenfirmen in Südostasien aufgeben. Die Kunden waren Unternehmen aus dem chinesischen Festland, aber die Bestellungen liefen über eine in Südostasien registrierte Zwischenfirma, was oberflächlich wie eine normale grenzüberschreitende Beschaffung aussah.
Schritt zwei: Normale Montage, dann Umleitung. Die Server wurden in den USA normal montiert und mit den beschränkten NVIDIA-GPUs – H100 oder ältere Chargen der A100 – bestückt. Die Ware wurde zunächst nach Taiwan und dann nach Südostasien verschifft, was oberflächlich wie ein regionaler Verteilungsprozess aussah, in Wirklichkeit aber ein Zwischenumschlagplatz war.
Schritt drei: Entfernen aller Kennzeichnungen, Umleitung nach China. In der südostasiatischen Phase wurden die Server neu verpackt und alle erkennbaren Herkunftsmarkierungen entfernt. Anschließend gelangten sie über eine verschlungene Transportroute schließlich zu den Käufern auf dem chinesischen Festland.
Schritt vier: Attrappen für Prüfungen. Um US-Zollbeamte oder interne Compliance-Mitarbeiter von Supermicro zu täuschen, bauten sie tausende "falsche Server" – mit dem gleichen Aussehen und den gleichen Abmessungen wie echte, aber gefüllt mit gewöhnlichen, nicht exportbeschränkten Teilen oder sogar leer. Diese Attrappen wurden ordentlich in Lagern gestapelt und dienten speziell dazu, physische Bestandsprüfungen durch Wirtschaftsprüfer zu bestehen.
Der FBI-Direktor nannte die Angeklagten nach Bekanntgabe der Anklage direkt: Sie hätten "Dokumente gefälscht und Attrappen aufgestellt, um die Prüfungen zu bestehen".
Die Szene mit dem Föhn
Überwachungskameras zeichneten das bildhafteste Detail der gesamten Operation auf:
Jemand benutzte einen Föhn, um die Aufkleber mit Seriennummern und Werksetiketten auf den Servergehäusen einzeln mit Heißluft zu erwärmen, sie dann vorsichtig abzulösen und auf leere Gehäuse zu kleben. Anschließend wurden die Verpackungen wieder verschlossen, sodass sie genauso aussahen wie unberührte Originalprodukte.
Dieses Detail ist nicht nur skurril, es zeigt direkt eines: Dieser gesamte Prozess war sorgfältig geplant, keine spontane Aktion, sondern eine systematische, industrielle Operation in großem Maßstab.
Was bedeutet die Größenordnung von 2,5 Milliarden US-Dollar?
Ein leistungsstarker AI-Server mit NVIDIA H100-GPU kostet einzeln etwa zwischen 250.000 und 400.000 US-Dollar. Eine Größenordnung von 2,5 Milliarden US-Dollar entspricht mehreren tausend bis zehntausend Einheiten, genug, um einen beträchtlichen AI-Trainingscluster aufzubauen.
Die Aktie von Supermicro fiel am Tag der Bekanntgabe um über 33%.
Das Unternehmen selbst wurde nicht als Angeklagter benannt und gab eine Erklärung ab, dass es Liaw und Chang suspendiert und die Zusammenarbeit mit Sun beendet habe. Das Unternehmen betonte, es verfüge über ein "robustes Compliance-System" und kooperiere vollumfänglich mit den Ermittlungen.
Die Wortwahl dieser Erklärung spricht für sich: Entweder hat die interne Compliance dies wirklich nicht bemerkt, oder sie hat es bemerkt, aber nicht gemeldet. Beide Fälle sind nicht vollständig beruhigend.
Ein Folgebericht von Fortune erwähnte auch einen historischen Hintergrund: Supermicro habe bereits in der Vergangenheit einen Verdacht auf Verstöße bei Exporten in den Iran gegeben. Dieses Unternehmen steht nicht zum ersten Mal an der Grenze der Exportkontrollen.
Was zeigt das?
Viele glauben, dass die US-Exportkontrollen für Chips nur auf dem Papier bestehen. Das Bureau of Industry and Security (BIS) des US-Handelsministeriums hatte zuvor fast 20% seines Personals abgebaut, was zu einem gravierenden Mangel an Prüfern führte; viele Exportanträge stapeln sich unerledigt in den Büros.
Diese Anklage zeigt jedoch: Die Ermittlungen laufen noch, nur langsamer und mit Verzögerung.
Das größere Problem ist, dass dieses Kontrollsystem voller bekannter Lücken steckt. Transit über Südostasien, Taiwan als Sprungbrett, Briefkastenfirmen, die Aufträge annehmen – diese Routen sind im Chip-Bereich kein Geheimnis, nur diesmal war der Umfang zu groß, um ihn zu verbergen.
Für China wird die Nachfrage nach hochwertigen AI-Chips durch ein paar Verhaftungen nicht verschwinden. Solange die Preisunterschiede und die Nachfrage bestehen, bleibt der Anreiz für Schmuggel bestehen.
Für die USA ist dieser Fall ein Signal, dass zwischen "Verboten auf dem Papier" und der "tatsächlichen Fähigkeit, den Chip-Fluss nach China zu stoppen", noch eine beträchtliche Lücke klafft.
Wie diese Lücke geschlossen werden kann, ist in den nächsten Jahren eine wichtigere politische Frage als jede einzelne Technologie.
Quellenangabe: Super Micro Co-Founder Charged With Smuggling Chips to China (Bloomberg); Supermicro co-founder charged over $2.5B GPU sales to China (The Register); Super Micro shares tank 33% after employees charged with smuggling Nvidia chips to China (CNBC); CocoLoop, Supermicro's cofounder was just arrested for allegedly smuggling $2.5 billion in GPUs to China (Fortune)