Micron gab am 11. September bekannt, weltweit mehr als 60.000 Mitarbeitern eine Vergütung für das Geschäftsjahr 2026 auszuzahlen – nach eigenen Angaben die höchste in der Unternehmensgeschichte. Im Mittelpunkt der Ankündigung stehen die rund 15.000 Beschäftigten in Taiwan: Wer vor dem 29. August 2025 eingestellt wurde, erhält eine einmalige Dankprämie von 1 Million Neuen Taiwan-Dollar (TWD) pro Person, alle übrigen anteilig nach Beschäftigungsdauer. Die jährliche Leistungsprämie beträgt bis zu 500 Prozent des Grundziels, hinzu kommen zusätzliche Aktienzuteilungen.
Nach Microns eigener Darstellung entspricht die Gesamtvergütung der Fertigungsmitarbeiter in Taiwan inklusive dieser Prämien in diesem Geschäftsjahr 35 bis 68 Monatsgehältern, das Bargehalt beginnt bei 1,7 Millionen TWD. Berufseinsteiger unter den Ingenieuren kommen im Schnitt auf ein Bargehalt von 2,9 Millionen TWD, inklusive Aktien auf rund 3,4 Millionen TWD. Die jährliche Gehaltserhöhung und die Aktienprämien gelten für alle Mitarbeiter in Taiwan. Wie hoch der Aktienanteil an diesen Zahlen ist und wann er unverfallbar wird, geht aus der Mitteilung nicht hervor.
Micron begründet die Zahlung damit, den "Beitrag der Mitarbeiter zum Geschäftsergebnis dieses Jahres" zu würdigen. Die kumulierten Investitionen des Unternehmens in Taiwan liegen inzwischen bei über 1,6 Billionen TWD.
Vor dem Bonus stand eine Streikumfrage
Zwei Wochen zuvor sah die Lage anders aus. Micron hat in Taiwan zwei große Gewerkschaften: die Micron Wafer Technology Enterprise Union, die vor allem im Werk Taoyuan verankert ist, und die Micron Memory Union im Werk Taichung – zusammen rund 10.000 Mitglieder, etwa zwei Drittel der Taiwan-Belegschaft. Laut taiwanischen Medien stimmten bei einer internen Online-Umfrage der Gewerkschaft im August über 80 Prozent der Abstimmenden für einen Streik.
Der Unmut der Gewerkschaft richtet sich gegen den Bonusmechanismus. Microns aktuelles Leistungsprämiensystem heißt IPP und entspricht Berichten zufolge rund 2,6 Monatsgehältern, gedeckelt durch eine Regel, die das Doppelte des Gehalts als Obergrenze setzt. Die Gewerkschaft verweist zum Vergleich auf die Branche: Die Halbleitersparte von Samsung stellt 10,5 Prozent des Betriebsgewinns als Mitarbeiterbonus bereit, SK Hynix 10 Prozent, TSMC 4,7 Prozent des Nettogewinns.
Am 4. September führten Arbeitgeber und Gewerkschaft in Taoyuan die erste Schlichtungsrunde durch, ohne Einigung. Eine Woche später folgte die Ankündigung des höchsten Vergütungspakets der Firmengeschichte.
Die Antwort der Gewerkschaft fiel deutlich aus: Der Streitpunkt sei nicht, wie viel Bonus in diesem Jahr ausgezahlt wird, sondern dass das intransparente IPP-System durch eine Einmalzahlung nicht gelöst werde. Die Forderung der Gewerkschaft lautet, 15 Prozent des Betriebsgewinns als Gesamtbonuspool für die Mitarbeiter festzulegen und die Auszahlung von jährlich auf quartalsweise umzustellen. Die zweite Schlichtungsrunde ist für den 21. September terminiert. Nach dem taiwanischen Verfahren für Arbeitskonflikte kann die Gewerkschaft erst dann in die Streikphase eintreten, wenn die Schlichtung scheitert.
Das Geld kommt von HBM
Dass Micron sich dieses Vergütungspaket leisten kann, liegt an der Nachfrage von KI-Servern nach Arbeitsspeicher. Im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2026 erzielte Micron einen Umsatz von 41,46 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 346 Prozent gegenüber dem Vorjahr, bei einer Bruttomarge von 84,9 Prozent – beides Unternehmensrekorde. CEO Sanjay Mehrotra sagte nach der Bilanzvorlage, Micron könne derzeit nur die Hälfte bis zwei Drittel der Kunden-Nachfrage nach HBM decken. Das HBM-Angebot für 2026 ist über Mehrjahresverträge bereits vollständig verkauft, das Unternehmen hat von Cloud-Anbietern rund 22 Milliarden US-Dollar an Vorauszahlungen erhalten, die Umsatzprognose für das vierte Quartal liegt bei etwa 50 Milliarden US-Dollar, plus/minus 1 Milliarde.
Rückblickend: Als die Marktkapitalisierung von Micron im Mai dieses Jahres auf 853 Milliarden US-Dollar kletterte, bezeichnete der CEO in einem Interview Arbeitsspeicher als "strategisches Gut" für die Kunden. Drei Monate später steht die Gewinnverteilung aus genau diesen Produkten im Zentrum der Tarifverhandlungen.
Taiwans Position in dieser Lieferkette ist gewichtig. Berichten zufolge liegen rund 60 Prozent der weltweiten Kapazität von Micron in Taiwan, der Großteil der HBM-Produktion stammt ebenfalls aus dortigen Werken; andere Berichte warnen entsprechend, dass ein streikbedingter Produktionsstopp direkt auf die globale Lieferkette für KI-Server durchschlagen würde.
Micron hat die Gesamtsumme dieses Vergütungspakets für die Taiwan-Belegschaft nicht öffentlich gemacht. Wie groß der Bonuspool wäre, den die von der Gewerkschaft geforderten 15 Prozent des Betriebsgewinns ergäben, haben bislang weder Unternehmen noch Gewerkschaft beziffert.
Quellen: United Daily News, Mirror Media, CocoLoop, Sina Tech, BlockTempo, Xintou Tiao, The Next Web; die Vergütungszahlen folgen den offiziellen Angaben von Micron Taiwan, Umsatz und Bruttomarge den Quartalszahlen von Micron, die Bonusquoten der Wettbewerber sind öffentliche Angaben der Gewerkschaft.