Micron steigt mit der Knappheit bei KI-Speicher

Vor einem Jahr hätte ein Vergleich zwischen Micron und Nvidia beim Börsenwert überzogen gewirkt. Am 9. Mai sah das anders aus.

Die Micron-Aktie stieg an einem Tag um 15% und schloss bei 746,81 Dollar. Der Börsenwert kletterte auf rund 853 Milliarden Dollar. In den vergangenen zwölf Monaten legte die Aktie fast 700% zu und lief damit sogar stärker als Nvidia.

CEO Sanjay Mehrotra brachte den Wandel in einem Interview auf den Punkt: "Speicher ist für Kunden zu einem strategischen Vermögenswert geworden."

Für einen 47 Jahre alten Speicherhersteller ist diese Formulierung bemerkenswert. Speicher wird nicht mehr nur als zyklische Standardkomponente gesehen, sondern als Engpass der KI-Infrastruktur.

Die Zahlen sind bereits außergewöhnlich

Microns Zahlen zum zweiten Quartal zeigen die neue Größenordnung.

  • Der Umsatz erreichte 23,86 Milliarden Dollar und lag damit fast dreimal so hoch wie die 8,1 Milliarden Dollar im Vorjahr.
  • Der GAAP-Nettogewinn betrug 13,79 Milliarden Dollar, entsprechend 12,07 Dollar je Aktie.
  • Für das dritte Quartal erwartet Micron 33,5 Milliarden Dollar Umsatz, plus oder minus 750 Millionen Dollar.

Für das Geschäftsjahr 2026 plant das Unternehmen zudem Investitionen von mehr als 25 Milliarden Dollar. Frühere Spitzenwerte lagen bei etwa 12 Milliarden Dollar. Micron verdoppelt damit faktisch seine alte Investitionsgrenze.

Auch die Prognose für das dritte Quartal ist ungewöhnlich steil. Von rund 23,8 Milliarden auf 33,5 Milliarden Dollar bedeutet das etwa 40% Wachstum gegenüber dem Vorquartal, ein Tempo, das man bei einem reifen Halbleiterhersteller selten sieht.

Der Speichermarkt geht in die Zuteilung

Dieser Preisanstieg ist kein normaler Speicherzyklus.

Mehrotra sagte an anderer Stelle, dass KI im Jahr 2026 mehr als 50% des weltweiten Speicherangebots verbrauchen könnte. Der Rest müsste dann für Smartphones, PCs, Autos, Server und Unterhaltungselektronik reichen.

Bei HBM, dem Hochbandbreitenspeicher für KI-Beschleuniger, ist die Lage noch enger. Das gesamte HBM-Angebot für 2026 ist bereits über mehrjährige Festpreisverträge gebunden. Wer zusätzliche Mengen braucht, verhandelt faktisch über 2027 und darüber hinaus. Micron, SK Hynix und Samsung sprechen mit Kunden über mehrjährige Zuteilungen.

Deshalb erfasst die Rally nicht nur HBM. Sandisk, stärker auf NAND ausgerichtet, stieg am selben Tag um 16%. Die Knappheit strahlt auf den breiteren Speicher- und Storage-Markt aus.

Mizuho hebt das Kursziel von 545 auf 740 Dollar

Analysten haben schnell reagiert. Vijay Rakesh von Mizuho hob das Kursziel von 545 auf 740 Dollar an. Seine Begründung: Agentic AI treibt die Speichernachfrage nach oben.

  1. KI-Agenten benötigen Langfrist-Schlussfolgerungen und größere Kontextfenster.
  2. Größere Kontextfenster erhöhen den Speicherbedarf pro Inferenzanfrage.
  3. Inferenz kann mehr als zehnmal so viel Last erzeugen wie Training, weil sie täglich läuft.
  4. Jede neue Agenten-Anwendung wird damit zu einem dauerhaften Speicherverbraucher.

Training endet, sobald ein Modell fertig ist. Inferenz läuft rund um die Uhr. Wenn KI von Training in großflächige Agenten-Deployments übergeht, wirkt Speicher weniger wie ein einmaliger Verkauf von Rechenkapazität und mehr wie eine wiederkehrende Infrastrukturabgabe.

Bernstein mahnt zur Vorsicht

Nicht alle sind uneingeschränkt optimistisch. Bernstein warnte, dass die Preisdynamik vor dem dritten Quartal 2026 nachlassen könnte. In einzelnen Segmenten gebe es frühe Signale schwächerer Nachfrage, auch wenn kurzfristige Vertragspreise weiter steigen.

Die eigentliche Frage lautet: Wenn HBM-Preise durch mehrjährige Verträge festgeschrieben sind und gleichzeitig Kapazität aufgebaut wird, kommt zuerst der Ausgleich von Angebot und Nachfrage oder zuerst eine technische Entlastung?

Nvidias Blackwell Ultra nutzt HBM3e, Rubin soll später auf HBM4 setzen. SK Hynix und Samsung beschleunigen ebenfalls HBM4. Wenn 2027 bei allen drei Anbietern Kapazität frei wird und CXL-Speicher-Pooling mehr Leistung aus weniger HBM holt, könnte ein Teil der Knappheitsprämie verschwinden.

Für 2026 bleibt die Realität aber klar: Wer als KI-Rechenzentrumsbetreiber HBM will, muss früh unterschreiben und warten.

Das größere Signal

Nvidia war drei Jahre lang die zentrale KI-Aktie, weil Rechenleistung der Engpass war.

Mit großflächig eingesetzten Mythos-KI-Agenten, die lange Schlussfolgerungen ziehen, wandert der Engpass jedoch vom GPU-Kern zu dem HBM direkt daneben. Ein H200 kann enorme Rechenleistung liefern, doch ohne genügend Speicherkapazität und Bandbreite bremst der Datentransfer die Inferenz.

In den nächsten zwölf Monaten geht es deshalb nicht nur darum, wie weit Nvidia noch steigt. Entscheidend wird, wer die HBM-Lieferkette kontrolliert. Micron, SK Hynix und Samsung könnten zu einem noch engeren Nadelöhr werden.

Ein 47 Jahre alter Speicherhersteller steigt nicht zufällig fast 700% in einem Jahr. Das Geld in der KI-Wertschöpfungskette wird neu verteilt. Die nächsten Gewinner werden bereits sichtbar.

Quellen: Micron Stock Rally: AI Memory Shortage Sends Market Value Past $850 Billion (ts2.tech); Micron zooms past $700 billion market cap as rally in memory stocks accelerates (CNBC); CocoLoop; Wall Street AI chip love moves from Nvidia to Intel, AMD and Micron (CNBC)