US-Stromnetz erhält Anträge für 700 GW, genutzt werden nur 70 GW

Eine Untersuchung, die mehrere US-Netzregionen abdeckt, hat zwei Zahlen nebeneinandergestellt, die nicht zusammenpassen: Die Netzanschlussanträge, die Versorgungsunternehmen von Großabnehmern erhalten haben, summieren sich inzwischen auf mehr als 700 Gigawatt, während der tatsächliche Stromverbrauch der Rechenzentren in den gesamten USA derzeit auf rund 70 Gigawatt geschätzt wird. Die Anträge liegen damit beim Zehnfachen des realen Verbrauchs.

Für diese Lücke gibt es in der US-Stromwirtschaft einen eigenen Begriff: Phantomnachfrage. Gemeint sind Netzanschlussanträge, die eingereicht und in die Warteschlange aufgenommen werden, aber am Ende nie umgesetzt werden – etwa weil dasselbe Projekt bei mehreren Versorgern gleichzeitig eingereicht wird, oder weil Unternehmen sich einfach einen Platz sichern, ohne über das nötige Kapital oder die Baukapazität zu verfügen.

Texas: von 48 auf 474 Gigawatt

Regional betrachtet wirken die Zahlen noch drastischer. Allein in Texas stiegen die Strom-Anträge für Rechenzentren von 48 Gigawatt im Jahr 2023 auf 474 Gigawatt – fast das Zehnfache in drei Jahren. Der Mittlere Westen, die Mid-Atlantic-Region und der Süden kamen zusammen auf weitere rund 270 Gigawatt an Anträgen. Zum Vergleich: Die von Technologiekonzernen öffentlich angekündigten Investitionspläne für KI-Rechenzentren summieren sich auf über 700 Milliarden US-Dollar – selbst wenn dieses Geld fristgerecht vollständig ausgegeben würde, würde es nicht für eine Kapazität in der Größenordnung der beantragten Anschlüsse reichen.

Dass Anstehen fast nichts kostet, ist der Ausgangspunkt der verzerrten Rechnung. Die Grenzkosten eines Netzanschlussantrags liegen nahe null, weshalb Entwickler dasselbe Projekt routinemäßig bei mehreren Versorgern gleichzeitig einreichen, sich dort ansiedeln, wo zuerst Strom verfügbar ist, und die übrigen Anträge als Reserve behalten. Für den einzelnen Entwickler ist das eine rationale Entscheidung – für Netzplaner bedeutet es, dass jeder eingehende Antrag echt oder wertlos sein kann.

Thomas Gleeson, Vorsitzender der texanischen Regulierungsbehörde Public Utility Commission, brachte das Dilemma unverblümt auf den Punkt:

Wenn man nicht weiß, was die reale Nachfrage ist, weiß man auch nicht, wie man die Infrastruktur dafür bauen soll.

Sobald das Anstehen etwas kostet, schrumpft die Nachfrage sofort

Die Bundesstaaten reagieren auffallend einheitlich: Sie verlangen eine Gebühr fürs Anstehen, damit sich Platzhalter nicht mehr kostenlos einen Platz sichern können.

Exelon verlangt inzwischen von Antragstellern eine Erfüllungsgarantie, worauf die Bedarfsprognose umgehend um rund 40 Prozent auf 11 Gigawatt sank. Ohio hob die Gebühr für eine Netzanschlussstudie auf bis zu 100.000 US-Dollar pro Anfrage an, woraufhin sich der Bedarfsvorrat von AEP Ohio um mehr als die Hälfte verringerte. Auch Pennsylvania liefert ein klares Bild: Von mehr als 100 Rechenzentrumsvorhaben schafften es nur 20 tatsächlich bis zum formellen Genehmigungsantrag.

Neben finanziellen Hürden verlangen mehrere Bundesstaaten inzwischen auch die Offenlegung der wirtschaftlich Berechtigten, um Zwischenhändler und Briefkastenfirmen auszuschließen. Die Mittel sind nicht kompliziert, die Wirkung aber unmittelbar: Sobald echtes Geld im Spiel ist, schrumpfen die Bedarfsprognosen um 40 Prozent – was für sich genommen schon eine Antwort darauf ist, wie viel von den 700 Gigawatt überhaupt real war.

Wer für die überzogene Prognose zahlt

Die Kosten sind nicht abstrakt. Die Kapazitätskosten in der PJM-Region stiegen dadurch um 29,4 Milliarden US-Dollar – ein Betrag, der sich am Ende über die Strompreise auf die Rechnungen von Haushalten und Unternehmen niederschlägt. Wird das Netz nach einer überzogenen Prognose ausgebaut, müssen die überschüssigen Leitungen, Umspannwerke und Kapazitätsreserven irgendjemand bezahlen; wird dagegen nach realer Nachfrage gebaut, fehlt Strom, sobald ein großes Projekt tatsächlich kommt.

Der Anwalt Daniel Faris lenkt den Blick auf eine andere Seite. Wer sich, wie er es beschreibt, wegen der vermeintlichen „Goldgrube“ überstürzt in dieses Geschäft gestürzt habe, lerne inzwischen möglicherweise auf die harte Tour, wie schwierig es tatsächlich sei, solche Projekte zu bauen und ans Netz zu bringen. Sich einen Platz zu sichern kostet nichts, der erste Spatenstich dagegen schon – und genau diese Lücke sortiert derzeit aus, wer im Geschäft bleibt und wer nicht.

Die Strom-Erzählung der Rechenzentren zerfällt in zwei Hälften

Im vergangenen Jahr zeigte die US-Politik durchgehend in eine Richtung: Beschleunigung. Kürzere Prüfzeiten für Netzanschlüsse, die Erlaubnis, eigene Kraftwerke zu bauen, KI-Rechenzentren als vorrangige Projekte behandeln. Voraussetzung für all das ist, dass die zugrunde liegende Nachfrage real ist.

Was die Regulierungsbehörden jetzt an Signalen erhalten, ist die andere Hälfte der Geschichte: In der Nachfrage steckt jede Menge Luft, die zuerst herausgedrückt werden muss, bevor überhaupt wieder von Tempo die Rede sein kann.

Grob gerechnet bleiben selbst dann, wenn man doppelt eingereichte und rein platzhaltende Anträge zur Hälfte herausrechnet, noch mehr als 300 Gigawatt übrig – immer noch weit mehr, als das US-Stromnetz in den kommenden fünf Jahren voraussichtlich an zusätzlicher Kapazität aufbauen kann. Das zeigt, dass die reale Nachfrage tatsächlich rasant wächst, nur weiß bislang niemand genau, um wie viel. Für alle, die anderswo den Ausbau von KI-Infrastruktur beobachten, liegt der Übertragungswert in der Reihenfolge: erst die Nachfrage sauber filtern, dann klären, woher der Strom kommen soll.

Quellen: Reuters-Recherche, IT Home, CocoLoop, öffentliche Stellungnahmen der texanischen Public Utility Commission; die Angaben zu 700 Gigawatt Anträgen gegenüber 70 Gigawatt tatsächlichem Verbrauch, dem Anstieg in Texas von 48 auf 474 Gigawatt, der Senkung bei Exelon um 40 Prozent auf 11 Gigawatt, dem Anstieg der PJM-Kapazitätskosten um 29,4 Milliarden US-Dollar sowie den 20 von über 100 Anträgen in Pennsylvania wurden anhand öffentlich zugänglicher Unterlagen geprüft.