Südkorea verschenkt KI an alle - mit nur 512 B200-Chips Rechenleistung

Das südkoreanische Ministerium für Wissenschaft und IKT hat die Betreiber des Projekts "AI for All" bekanntgegeben: Drei von SK Telecom, KT und Kakao angeführte Konsortien setzten sich gegen sechs Bewerber durch. Der Dienst steht der gesamten Bevölkerung kostenlos zur Verfügung, ohne Token-Obergrenze, geht im September in die interne Testphase und soll noch vor Jahresende offiziell starten - vollständig auf Basis von in Südkorea selbst entwickelten großen Sprachmodellen.

Als staatliche Ressource stehen 512 Nvidia-B200-Chips bereit, aufgeteilt auf die drei Konsortien; ab 2027 übernimmt der Staatshaushalt die landesweiten Betriebskosten. Südkoreas KI-Budget für 2026 liegt bei 10 Billionen Won, umgerechnet rund 7,2 Milliarden US-Dollar - dreimal so viel wie im Vorjahr.

512 Chips reichen nicht einmal ansatzweise für jeden

Rechnen wir das grob durch. 512 B200-Chips verteilt auf drei Konsortien ergeben im Schnitt etwas über 170 Chips pro Anbieter. Bei rund 51 Millionen Einwohnern in Südkorea teilen sich je 10.000 Menschen gerade einmal 0,1 Chips. Diese Größenordnung wirkt neben jedem führenden KI-Labor geradezu winzig - ein einzelner großer Inferenz-Cluster kommt dort schon mal auf zehntausende Chips.

Der Satz "keine Token-Obergrenze" muss also im Kontext gelesen werden. Kostenlos und unbegrenzt funktioniert hier über Zeitscheiben und Warteschlangen, nicht über schiere Rechenkapazität. Dass die interne Testphase im September beginnt und der offizielle Start erst zum Jahresende ansteht, deutet darauf hin, dass in den gut drei Monaten dazwischen vor allem eines ausgelotet wird: bei welcher Zahl gleichzeitiger Nutzer die Dienstqualität einbricht.

Die Mitgliederlisten verraten mehr als die Modelllisten

Die Zusammensetzung der drei Konsortien ist deutlich aufschlussreicher als die jeweils vorgelegten Modelllisten.

SK Telecom hat Liner, Shinhan Card, Hana Card, Tmap Mobility und SK Broadband mit ins Boot geholt, dazu die Arzttermin-Plattform Goodoc, das Bildungsunternehmen Elice und den Gesundheitsdatenspezialisten Soundable Health. Im KT-Konsortium finden sich der Chiphersteller Rebellions, Upstage, Daum, der Modehändler Musinsa, BC Card, die Immobilienplattform Zigbang und der koreanische Bildungssender EBS. Die Kakao-Gruppe besteht aus dem medizinischen KI-Unternehmen Lunit, dem Universitätsklinikum Seoul National University Hospital, der Shinhan Bank, LG AI Research, LG CNS, LG Electronics und dem Chiphersteller FuriosaAI.

Zahlungsverkehr, Immobilien, Arzttermine, Bildung, Einzelhandel - diese Aufstellung zielt nicht auf einen Chatbot, sondern auf eine gesprächsbasierte Zugangsschicht für staatliche Dienstleistungen. Auch die öffentlich genannten Anwendungsfälle bestätigen das: Arzttermine buchen, Wohnungen finden, Steuerberatung, Berechnung von Unternehmenssteuern, Prüfung der Berechtigung für staatliche Zuschüsse und Empfehlungen für Bildungsinhalte - all das lässt sich an die Systeme der Regierung anbinden.

Naver taucht in keinem der drei Konsortien auf. Südkoreas größtes Such- und KI-Unternehmen fehlt bei diesem landesweiten Projekt.

Alle drei setzen auf dieselbe Modellbasis

Die von den einzelnen Anbietern genannten Modelle wirken auf den ersten Blick vielfältig, überschneiden sich aber erheblich. K-EXAONE 2.0 taucht sowohl bei SK Telecom als auch bei Kakao auf, Motif 3 wird von SK Telecom und KT gemeinsam genutzt, und die Solar-Reihe findet sich bei beiden. Das von SK Telecom favorisierte A.X K2 hat 688 Milliarden Parameter und ist damit die größte offiziell genannte Zahl unter den drei Konsortien.

Anders betrachtet: Südkorea kann nur eine Handvoll eigener Modellbasen vorweisen, und die drei Konsortien kombinieren letztlich dieselben Bausteine aus demselben Modell-Pool. Was nach außen wie ein Wettbewerb zwischen drei Alternativen aussieht, beruht darunter auf einer gemeinsamen Versorgungsbasis.

Der zahlungsbereiteste Markt macht KI zum Gratisprodukt

Eine Vergleichszahl sticht dabei besonders ins Auge: 25 Prozent der Südkoreaner haben schon einmal für einen KI-Dienst bezahlt, in den USA sind es lediglich 2 Prozent. Gleichzeitig nutzen über 20 Millionen Südkoreaner kostenlose generative KI-Tools.

Ausgerechnet in einem Markt mit weltweit führender Zahlungsbereitschaft macht die Regierung den Dienst zum Gratisangebot. Kurzfristig dürfte das die Abo-Geschäfte heimischer KI-Anbieter unter Druck setzen; langfristig geht die Wette in eine andere Richtung: die eigenen Modelle fest im Alltag von 50 Millionen Menschen zu verankern - zunächst zählen Nutzerzahlen und Gewohnheiten, Umsatz kommt später.

Quellen: Projektbekanntgabe des südkoreanischen Ministeriums für Wissenschaft und IKT, The Korea Times, CocoLoop, TechSpot; die Mitgliederlisten der Konsortien, die Aufteilung der 512 B200-Chips sowie die Zahlen zum koreanischen KI-Budget wurden anhand zweier Medienberichte gegengeprüft.