Eine 83-seitige Klageschrift mit 10 Anklagepunkten richtet sich nicht nur gegen OpenAI, sondern auch persönlich gegen CEO Sam Altman.
Am Montag, dem 1. Juni, verklagte Floridas Generalstaatsanwalt James Uthmeier OpenAI vor dem Bezirksgericht des Bundesstaates. Es ist der erste US-Bundesstaat, der rechtliche Schritte gegen OpenAI einleitet, und verlangt gleich die persönliche Haftung des CEO.
Nicht 'Produktfehler', sondern 'wissentlich schädlich verkauft'
Die Klageschrift enthält 10 Anklagepunkte, jeder schwerwiegender als der vorherige:
- 4 Anklagepunkte wegen betrügerischen und unlauteren Handelns
- 2 Anklagepunkte wegen Fahrlässigkeit
- 2 Anklagepunkte wegen Verstoßes gegen Produkthaftungsgesetze
- 1 Anklagepunkt wegen arglistiger Täuschung
- 1 Anklagepunkt wegen öffentlicher Belästigung
Einfach ausgedrückt lautet die Logik Floridas: OpenAI verkaufte ChatGPT als 'sicheres' Produkt an die Öffentlichkeit, obwohl es wusste, dass es Menschen in Gefahr bringen könnte – und sagte nichts.
Uthmeier wählte starke Worte und sagte, Altman habe 'völlige Missachtung des Risikos für Menschenleben durch das Verhalten seiner Firma' gezeigt. Die Klage behauptet auch, dass OpenAIs Aufstieg auf 'einem Netz aus Täuschung und Ausbeutung der Nutzer' beruhte, um den Marktwert um jeden Preis zu steigern.
Dies ist nicht mehr der Ton eines kommerziellen Streits.
Konkrete Todesfälle auf den Tisch gelegt
Nur zu sagen 'potenziell schädlich' reicht nicht, um eine Klage zu stützen. Florida hat diesmal konkrete Fälle in die Klageschrift aufgenommen:
- Die Schießerei im April 2025 an der Florida State University (FSU), bei der der Täter laut Staatsanwaltschaft ChatGPT zur Planung des Angriffs nutzte
- Die Ermordung zweier Doktoranden der University of South Florida
- Eine Reihe weiterer Morde und Selbstmorde, die mit ChatGPT in Verbindung gebracht werden
Diese Fälle waren einzeln in den Nachrichten. Florida verknüpft sie nun zu einer Kausalkette und zeigt auf OpenAI: Welche Rolle hat Ihr Produkt in diesen Vorfällen gespielt?
Dieser Schritt ist entscheidend. Frühere Klagen gegen KI-Unternehmen blieben meist auf der Ebene von Urheberrecht, Daten, Verträgen – Geldangelegenheiten. Die Verbindung von tatsächlichen Todesfällen mit 'Produkthaftung' ist eine völlig andere Dimension.
OpenAIs Reaktion: Anklagepunkte umgehen, zuerst über Kinder sprechen
Ein OpenAI-Sprecher ging nicht direkt auf die 10 Anklagepunkte ein, sondern gab zunächst eine starke Erklärung ab: 'Ein Kind zu verlieren ist die verheerendste Tragödie, die einer Familie widerfahren kann, und wir wissen, dass keine Worte den Schmerz eines solchen Verlustes auch nur annähernd ausdrücken können.'
Dann kam die Verteidigung: Das Unternehmen sagte, es habe strengere Schutzmaßnahmen für Minderjährige eingeführt, darunter Altersvorhersagetools, standardmäßig sicherere Modi bei unsicherem Alter und Überwachungsfunktionen für Eltern.
Der Subtext dieser Antwort ist: Wir haben nicht versagt, wir haben Maßnahmen ergriffen. Ob das vor Gericht Bestand hat, bleibt abzuwarten.
Warum dieser Fall eine Wasserscheide ist
Betrachtet man das größere Bild, wird die Bedeutung dieses Falls deutlich.
Auf Bundesebene versucht das Weiße Haus noch, die KI-Regulierung zu zentralisieren; die Bundesstaaten halten Tausende von Gesetzesentwürfen, jeder will eigene Regeln aufstellen. In diesem Tauziehen wartete Florida nicht auf den Bund, sondern verklagte OpenAI mit bestehenden Gesetzen – Verbraucherschutz, Produkthaftung, öffentliche Belästigung – und forderte persönlichen Schadenersatz von Altman.
Dies setzt ein Beispiel für alle Generalstaatsanwälte der Bundesstaaten: Keine neuen Gesetze nötig; die alten reichen aus.
Für OpenAI ist dies nicht das einzige Kopfzerbrechen. Das Unternehmen bereitet sich auf einen Börsengang vor, und eine Klage, die den CEO hineinzieht und mit Todesfällen verbunden ist, wird in den Risikohinweisen schwer wiegen – das wissen die Investoren.
Wie weit der Fall gehen kann, hängt von den beiden Produkthaftungsklagen ab, die die eigentlichen harten Brocken sind: Die Einstufung des 'Outputs' eines Konversationsmodells als 'fehlerhaftes Produkt' hat noch keinen klaren rechtlichen Präzedenzfall. Florida testet einen neuen Weg.
Ob es gelingt, werden die nächsten Monate der Gerichtsverhandlungen zeigen.
Quellen: Florida sues OpenAI and CEO Sam Altman, accusing them of putting profit over safety (NBC News); Florida Sues OpenAI and CEO Sam Altman, Alleges Altman Showed 'Utter Disregard for the Risk to Human Life' (Variety); Florida AG sues OpenAI, seeks to hold CEO Altman personally liable for alleged harms (CNBC); CocoLoop; Florida sues OpenAI and Sam Altman over alleged safety lapses (NPR)