Jede fünfte Klage in den USA wird von KI verfasst

Ein Bundesgericht in Vermont erhielt früher etwa 45 Pro-Se-Klagen pro Jahr. Im Haushaltsjahr 2024 schnellte diese Zahl auf 1.100 hoch.

Mehr als das Zwanzigfache.

Am 26. Mai enthüllten Forscher des MIT und der University of Southern California den Grund. Nach der Analyse von 4,5 Millionen Zivilklagen (Haushaltsjahre 2005–2026) und 46 Millionen PACER-Gerichtsakten kamen sie zu dem Schluss, dass ChatGPT die US-Gerichte in einen nicht zu stoppenden Klagedrucker verwandelt.

Zahlen sprechen

Zunächst der Anteil der Pro-Se-Klagen (Selbstvertretung ohne Anwalt):

  • Letzte 20 Jahre: stabil bei ~11 %
  • Haushaltsjahr 2025: 16,8 %

Allein im Haushaltsjahr 2025 gab es 41.490 Pro-Se-Klagen – etwa doppelt so viel wie der Jahresdurchschnitt vor KI. Noch wichtiger: 59 % des jüngsten Anstiegs bei Zivilklagen gehen auf diese Selbstvertreter zurück.

Wie lässt sich beweisen, dass KI sie geschrieben hat? Die Forscher nutzten einen KI-Textdetektor namens Pangram, validierten ihn zunächst an 1.600 zufälligen Klageschriften und führten ihn dann auf dem gesamten Datensatz aus. Der erkannte KI-Anteil stieg wie folgt:

  • 2023: 1,0 %
  • 2024: 3,5 %
  • 2025: 10,5 %
  • Anfang 2026: 18,0 %

Das bedeutet, dass inzwischen etwa jede fünfte Klageschrift von KI verfasst wird.

Eine gut gemeinte Sache

Um es klar zu sagen: KI, die normalen Menschen bei rechtlichen Angelegenheiten hilft, begann mit guten Absichten. Wer sich keinen Anwalt leisten konnte, musste früher angesichts unverständlicher Rechtsverfahren aufgeben. Jetzt kann man ChatGPT bitten, zu erklären, was für eine Klage nötig ist, Fakten zu ordnen, Präzedenzfälle zusammenzufassen, Anträge zu entwerfen und formatierte Dokumente zu erstellen – fast kostenlos. Das schließt die berühmte 'Gerechtigkeitslücke' in der Rechtsdienstleistung.

Das Problem ist die Menge.

Wenn die Hürde fällt, kommt die Flut

Wenn Klagen zu einfach werden, verstopfen die Gerichte. Die Studie ergab, dass die Aktenaktivität in den ersten 180 Tagen nach Einreichung einer Pro-Se-Klage im Vergleich zur Zeit vor KI um 158 % explodiert ist. Ein Schwall schwacher, sich wiederholender KI-Anträge zwingt gegnerische Anwälte, jeden einzeln zu beantworten, und treibt die Rechnungen der Mandanten in die Höhe.

Bundesrichter Patrick Schiltz aus Minnesota drückte es deutlich aus:

'Eine existenzielle Bedrohung für die Bundesgerichte.'

MIT-Forscher Shah war noch direkter und sagte, wenn dieser Trend anhalte, müssten die Gerichte 'im Grunde schließen'.

Unerwartete Nebenwirkungen

Die Forscher sehen den Wendepunkt im November 2022, als ChatGPT auf den Markt kam. Die Zeitlinie passt – die folgenden erfundenen Fälle und KI-Halluzinationszitate, die vor Gericht für Schlagzeilen sorgten, begannen ebenfalls damals.

Gerichte können derzeit nur Offenlegungspflichten hinzufügen und Firewalls einrichten. Aber der grundlegende Widerspruch bleibt: Da KI die Hürde, 'eine plausible Klageschrift zu verfassen', auf den Boden gedrückt hat, ist sie nicht aufzuhalten.

Ein Werkzeug, das die Gerechtigkeitslücke schließen sollte, hat stattdessen die Gerichte selbst verstopft. Wie es weitergeht, haben die US-Richter noch nicht beantwortet.

Quellen: CocoLoop, The AI justice gap solution is slowly turning into an existential paperwork nightmare for US federal courts (The Decoder); People without lawyers are using AI to flood courts with lawsuits (TechSpot)