Die Faculty of Arts and Sciences (FAS) der Harvard University hat am 28. April entschieden: Nach Juni bezahlt FAS ChatGPT-Edu-Konten nicht mehr zentral. Lehrende, die den Dienst weiter nutzen wollen, müssen dafür künftig innerhalb der Universität Budget beantragen.
Als Alternative wird Anthropics Claude angeboten, allerdings auf Ebene einzelner Kurse und auf Antrag der Lehrenden.
Kein Technikproblem, sondern eine Frage von Kosten und Nutzung
Christopher Stubbs, Senior Adviser für AI bei FAS, nannte in einem öffentlichen Interview einen klaren Grund:
"Die Nutzung durch Bachelor-Studierende lag weit unter unseren Erwartungen."
Stubbs zufolge kursierte unter Studierenden das Missverständnis, die Universität stelle die Konten bereit, um Betrug aufzudecken. Tatsächlich sollte allen Studierenden ein gleichberechtigter Zugang zu KI-Werkzeugen ermöglicht werden. Diese Botschaft kam offenbar nicht an. Hinzu kam, dass viele Studierende ohnehin schon eigene kostenlose ChatGPT-Konten nutzten und wenig Anlass sahen, auf ein institutionelles Konto zu wechseln.
Der Pilotversuch lief fast ein Jahr. In dieser Zeit übernahm FAS die Kosten für OpenAI-Enterprise-Konten von Lehrenden, Mitarbeitenden und Studierenden. Bei Harvards Größe ist das kein kleiner Posten.
Dekan David Parkes formulierte die Entscheidung in ausgesprochen institutioneller Sprache:
"Wir haben bisher OpenAIs ChatGPT-Technologie bereitgestellt, und als Nächstes werden wir Anthropics Technologie bereitstellen."
Übersetzt heißt das: Der Anbieter wechselt, nicht die Grundstrategie.
Claude wird nicht flächendeckend verteilt
Die Einführung von Claude folgt einem anderen Modell als ChatGPT Edu. ChatGPT Edu war praktisch breit innerhalb von FAS verfügbar. Claude wird dagegen von Lehrenden für konkrete Kurse beantragt.
Stubbs sagte, mehrere Werkzeuge unter dem Harvard-Konto seien funktional sehr ähnlich zu OpenAIs Angebot. Für Studierende dürfte sich die Nutzung also nicht zwingend grundlegend anders anfühlen. Der Unterschied liegt eher darin, wie viele Zugänge die Universität bezahlen will und wie Lehrende die Werkzeuge in ihren Unterricht einbauen.
Wichtig ist außerdem: Google Gemini bleibt an Harvard über eine institutionelle Vereinbarung zwischen Google und der Universität verfügbar. Daran ändert sich nichts.
Damit ergibt sich für FAS künftig folgendes Bild:
- ChatGPT Edu: nach Juni nur noch mit separatem Budgetantrag
- Claude: kursbezogener Zugang, finanziert von FAS
- Gemini: läuft unter der bestehenden Google-Vereinbarung weiter
Eine Haltung ständiger Neubewertung
Stubbs machte deutlich, dass FAS diese Entscheidung nicht als endgültigen Zustand versteht:
"Angesichts der Geschwindigkeit, mit der sich dieses Feld verändert, und der ständig neu entstehenden Technologien, Anwendungen und Anwendungsfälle wird FAS weiter neu bewerten."
Für eine Universität ist das bemerkenswert. Üblicherweise wählt eine Hochschule einen Anbieter, schließt einen Vertrag über zwei oder drei Jahre und vermeidet häufige Wechsel. FAS signalisiert den KI-Anbietern dagegen öffentlich, dass ihre Rolle auf dem Campus jederzeit neu geprüft werden kann.
Ein kleiner, aber sichtbarer Rückschlag für OpenAI
Harvard FAS ist für sich genommen nicht groß genug, um OpenAIs Zahlen spürbar zu bewegen. Wichtiger ist die Signalwirkung: Eine führende Forschungsuniversität hat ChatGPT Edu ein Jahr lang genutzt und kommt öffentlich zu dem Schluss, dass der Ertrag eine breite zentrale Finanzierung nicht rechtfertigt.
ChatGPT Edu war in den vergangenen zwei Jahren ein Schwerpunkt von OpenAI im Hochschulmarkt. Zu den bekannten Kunden zählten unter anderem Wharton, Arizona State University, Texas A&M und Estacio in Brasilien. Der Bericht von The Harvard Crimson dürfte in anderen universitären Budgetgremien gelesen werden.
Anthropic tritt derweil im Unternehmens- und Hochschulmarkt offensiv auf. Zu den öffentlich bekannten Claude-Kunden gehören bereits Oxford und Teile von NYU Stern. Mit Harvard FAS kommt nun ein weiterer sichtbarer Name hinzu, der OpenAIs Position an Eliteuniversitäten schwächt.
Ob sich der Schritt auf andere Harvard-Einheiten wie HBS, HMS oder Harvard Law ausweitet, ist derzeit nicht öffentlich bekannt. FAS liefert anderen unabhängig entscheidenden Fakultäten aber bereits ein belastbares Beispiel.
Quellen: CocoLoop, FAS Plans to Grant Access to Anthropic Claude, Phase Out ChatGPT Edu (The Harvard Crimson)