Anthropic hat etwas getan, das früher kaum zu dem Unternehmen gepasst hätte: Die Antwortzeit der mobilen Claude-App wurde von fünf bis sechs Sekunden auf ungefähr eine Sekunde gedrückt.
Für sich genommen klingt das nach normaler technischer Optimierung. Im Fall von Anthropic ist das Signal deutlicher. Ein Unternehmen, das lange fast automatisch mit Enterprise-KI verbunden wurde, nimmt den Verbrauchermarkt nun ernst.
Die Zahlen machen den Kurswechsel sichtbar
Claude steht in den USA auf Platz zwei der kostenlosen Apps im App Store. Vor Claude liegt ChatGPT, dahinter Google Gemini. Vor zwei Jahren fragte sich Anthropic noch, ob normale Verbraucher die Marke überhaupt kennen. Jetzt sitzt Claude zwischen OpenAI und Google.
Die täglichen Neuregistrierungen liegen bei mehr als einer Million. Seit Jahresbeginn hat sich die Zahl der täglichen Anmeldungen vervierfacht.
Für diese Entwicklung gibt es zwei Hauptgründe. Der erste ist Geschwindigkeit. Früher mussten Nutzer die Claude-App öffnen und fünf bis sechs Sekunden warten, bevor sie eine Frage stellen konnten. Heute dauert es etwa eine Sekunde. Für Consumer-Software ist so eine Latenzverkürzung entscheidend, weil Gelegenheitnutzer wenig Geduld haben und langsame Apps schnell schließen.
Der zweite Grund ist der Super-Bowl-Spot. Anthropic positionierte Claude dort direkt als werbefreie Alternative zu ChatGPT. Das trifft einen wunden Punkt, weil OpenAI zuletzt stärker über Werbung und Monetarisierung nachdenkt.
Die interne Neuausrichtung läuft bereits
In Bloombergs Bericht steckt ein wichtiger Hinweis: Seit der zweiten Jahreshälfte 2025 setzt Anthropic Mitarbeitende gezielt darauf an, Claudes Antworten auf persönliche Fragen zu verbessern, darunter Gesundheitstipps, Reiseplanung und Rezeptempfehlungen.
Das ist ein aussagekräftiger Wechsel. Claude war traditionell besonders stark bei Code, der Analyse langer Dokumente und Wissensarbeit in Unternehmen. Bei Fragen wie was man heute Abend kochen soll oder wie fünf Tage Tokio geplant werden könnten, fühlte sich ChatGPT oft runder an. Anthropic musste das früher weniger kümmern, weil die Kunden Goldman Sachs und JPMorgan hießen, nicht normale Nutzer.
Das hat sich offensichtlich geändert.
Der Grund ist einfach: Verbraucherdaten sind Treibstoff für die Modelliteration. Die hunderten Millionen monatlich aktiven ChatGPT-Nutzer liefern OpenAI laufend Feedbackdaten. Anthropic hatte diesen Kanal bisher nicht in vergleichbarer Größe und war stärker auf zahlende Unternehmenskunden angewiesen. Im vergangenen Jahr scheint das Unternehmen diese Lücke als strategisches Problem erkannt zu haben.
Reicht die Rechenleistung?
Voraussichtlich ja. Anthropic hat gerade einen großen Vertrag mit SpaceX geschlossen und mietet die gesamte Rechenkapazität des Rechenzentrums Colossus 1: 300 Megawatt und 220.000 NVIDIA-GPUs, die innerhalb weniger Wochen verfügbar sein sollen. Auch das Fünf-Stunden-Limit von Claude Code wurde direkt verdoppelt.
Dazu kommen bereits geschlossene Vereinbarungen:
- AWS: 5 GW Rechenleistung, inklusive 1 GW zusätzlicher Kapazität bis Ende 2026
- Google und Broadcom: 5 GW ab 2027
- Microsoft und NVIDIA: Azure-Kapazität im Wert von 30 Milliarden US-Dollar
- Fluidstack: 50 Milliarden US-Dollar für KI-Infrastruktur in den USA
Ob diese Wetten auf Rechenleistung sinnvoll sind, muss am Ende das Nutzerwachstum beweisen. Eine Claude-App mit Ein-Sekunden-Antworten und Platz zwei im App Store ist Anthropics erste Consumer-Antwort an Investoren.
Die entscheidende Frage
Claude ist im Enterprise-Markt bereits OpenAIs schwierigster Gegner. Anthropic hat zuletzt eine ganze Reihe von Wall-Street-Kunden gewonnen, darunter JPMorgan, Goldman Sachs, Citi, AIG und Visa. Jetzt greift das Unternehmen auch im Verbrauchermarkt an.
Damit kann OpenAI nicht mehr auf die einfache Erzählung setzen, ChatGPT sei die bekannte Massenmarke und Claude nur die kleinere Enterprise-Option. Beide Fronten sind jetzt offen.
OpenAI-Chef Sam Altman spricht seit Monaten über einen Börsengang im vierten Quartal und eine Bewertung von einer Billion US-Dollar. Wenn Anthropic dieses Wachstum hält, muss OpenAI Investoren möglicherweise neu erklären, warum das Unternehmen mehr wert sein soll.
Für Anthropic selbst lautet die Prüfung anders: Kann ein Unternehmen, das aus dem Enterprise-Markt kommt, normalen Nutzern innerhalb eines halben Jahres das Markenversprechen „werbefrei“ einprägen? Das hängt davon ab, wie lange der Super-Bowl-Effekt noch trägt.
Quellen: CocoLoop, Anthropic Is Making Its Claude Chatbot More Appealing to Consumers (Bloomberg); Anthropic's Claude shifts to consumers with faster personal answers (NewsBytes)