Chinas KI-Branche erfindet gerade eine neue Maßeinheit für sich.
Im März dieses Jahres prägte Liu Liehong, Direktor der Nationalen Datenverwaltung Chinas, bei einem öffentlichen Auftritt den Begriff Token. Dieser Begriff wird als offizielle Abrechnungseinheit positioniert, die "technologisches Angebot" und "kommerzielle Nachfrage" verbindet – wie viele Informationen von KI verarbeitet wurden, wird in Tokens gemessen.
Laut einem Bericht von Fortune erreichte die Anzahl der täglich in China verarbeiteten Tokens Anfang 2026 140 Milliarden. Diese Zahl ist im Vergleich zu Anfang 2024 um das 1000-fache gestiegen.
IPO-Welle in Hongkong
Gleichzeitig beweisen sich chinesische KI-Unternehmen auf andere Weise: Sie drängen an die Börse in Hongkong.
Die Anzahl der IPOs an der Hongkonger Börse ist in diesem Jahr so hoch wie seit fünf Jahren nicht mehr, und die treibende Kraft sind KI-Unternehmen:
| Unternehmen | Börsenstatus | Aktienentwicklung |
|---|---|---|
| Zhipu AI | Bereits notiert | 570 % über Ausgabepreis |
| MiniMax | Bereits notiert | 470 % über Ausgabepreis |
| Biren Technology (Chips) | Bereits notiert | — |
| Unitree Robotics | IPO über 4,2 Mrd. NDT beantragt, Unterlagen eingereicht | In Bearbeitung |
Moonshot AI (Muttergesellschaft von Kimi) wird auf 10 bis 18 Milliarden USD geschätzt und erwägt Berichten zufolge ebenfalls einen Börsengang in Hongkong.
Der Fall von Unitree Robotics ist besonders: Das Robotikunternehmen erzielte einen bereinigten Nettogewinn von rund 600 Millionen NDT und ist damit in der gesamten Liste der chinesischen KI-IPO-Kandidaten nahezu ein Einzelfall in Sachen Profitabilität. Die meisten Wettbewerber machen Verluste.
Verluste bleiben das Hauptthema
Was die Verluste betrifft, sehen die Zahlen nicht gut aus:
- Zhipu AI: Kumulierte Verluste von 4,7 Mrd. NDT, F&E-Ausgaben 2025 um 45 % gestiegen
- Alibaba: Investitionsausgaben 2025 von 123 Mrd. NDT, Nettogewinn im Jahresvergleich um 66 % gesunken
- ByteDance: Voraussichtliche KI-Infrastrukturausgaben von 23 Mrd. USD
Im Vergleich zu den US-Wettbewerbern sind die chinesischen Unternehmen noch deutlich kleiner – Alphabet gab 2025 94 Mrd. USD an Investitionsausgaben aus, Meta 75 Mrd. USD. Diese Lücke ist kurzfristig nicht allein durch politische Maßnahmen zu schließen.
Verbreitung von Agenten: Mehr Menschen vertrauen KI
Der Fortune-Bericht enthält einen bemerkenswerten Vergleich: 87 % der Nutzer in China geben an, KI zu vertrauen, in den USA sind es 32 %.
Diese Diskrepanz spiegelt sich direkt in den Produktdaten wider. ByteDances Doubao überschritt während des diesjährigen Frühlingsfestes die Marke von 100 Millionen täglich aktiven Nutzern. Tencent hat den KI-Agenten ClawBot in WeChat integriert, sodass Nutzer verschiedene Aufgaben ausführen können, ohne die App zu verlassen. Einige lokale Regierungen beginnen, "Ein-Personen-Unternehmen" zu subventionieren – Gründer, die ihr Geschäft mit KI-Agenten betreiben und die Produktionskosten auf einen Bruchteil des früheren Niveaus senken.
Kurzfilme sind ein konkretes Beispiel: Früher kostete die Produktion eines Kurzfilms 1 Million NDT, mit KI sind es etwa 100.000 NDT, also nur 10 % der früheren Kosten.
Strukturelle Beschränkungen bestehen fort
Einige Probleme sind ungelöst:
Chips: Die US-Exportkontrollen schränken chinesische Unternehmen auf heimische Optionen wie Huawei ein. Sie laufen, aber zu höheren Kosten und mit geringerer Effizienz in bestimmten Szenarien.
Kapital: Die Hauptfinanzierungsquelle für chinesische KI ist heimisches Kapital, während internationales Kapital insgesamt vorsichtig gegenüber chinesischer KI ist. Die Finanzierungskosten sind relativ höher.
Talentabwanderung: Manus AI verlegte seinen Hauptsitz nach Singapur und wurde anschließend von Meta für etwa 2 Mrd. USD übernommen; zwei Mitgründer sollen mit Ausreiseverboten konfrontiert sein. Solche Fälle sind in der Branche keine Seltenheit.
Ein struktureller Vorteil ist jedoch real: Goldman Sachs schätzt, dass China bis 2030 über etwa 400 GW überschüssige Stromkapazität verfügen wird, das Dreifache des prognostizierten weltweiten Bedarfs an Rechenzentren. Der Rechenleistung fehlt es nicht an Strom – das ist wichtiger, als viele denken.
Signale aus dem Open-Source-Markt
Abschließend ein Datum: Die Downloads chinesischer großer Modelle auf OpenRouter übertrafen erstmals die US-amerikanischer Modelle.
Dies ist keine politische Zahl, sondern das Ergebnis eigenständiger Entscheidungen von Entwicklern. Alibabas Qwen hat mit der Apache-Lizenz eine große Anzahl globaler Entwickler angezogen, und Metas Muse Spark wurde teilweise auf Basis von Qwen trainiert – vor zwei Jahren kaum vorstellbar.
Ob das Konzept der "Token-Ökonomie" international akzeptiert wird, bleibt abzuwarten, aber chinesische KI wird in Bezug auf Modellfähigkeiten und Ökosystemabdeckung zu einer Option, die ernst genommen werden muss.
Quellenangabe: CocoLoop, China's AI boom: blazing IPOs, an AI agent craze, and a new 'token economy' (Fortune)