Microsofts eingemottetes Aion-System hat nicht mal Desktop-Icons

Im Forum BetaWiki ist eine Reihe interner Microsoft-Unterlagen aufgetaucht, die auf ein experimentelles System mit dem Codenamen Project Aion hindeuten. Windows Latest hat die Dokumente am 24. August ausgewertet: eine interne SharePoint-Seite namens CopilotOS, mehrere Demo-Aufnahmen sowie Team-Dokumentationsseiten mit den Titeln The Pillars, AI Devices, Self Driving OS und Key Tech. In den Aufnahmen sind Nachrichtenseiten aus dem Jahr 2024 zu sehen, was zu dem in den Dokumenten vermerkten Entwicklungsjahr passt.

Aion ist kein neu lackiertes Windows. Es läuft auf einem schlanken Kern namens Win3, der leichter ist als Windows 11, schneller startet und weniger Strom verbraucht – der Preis dafür ist der vollständige Verzicht auf Win32-Anwendungen. Die gesamte Oberfläche steckt in einer angepassten Edge-Instanz: kein Startmenü, keine Taskleiste, keine Desktop-Icons, kein sichtbares Dateisystem. Der einzige Zugang, den Nutzer sehen, ist Copilot. Für alte Software gibt es laut den Unterlagen nur einen Ausweg: den Windows-365-Cloud-PC – wer Excel braucht, wird auf die Maschine in der Cloud geschickt.

Für jedes neue Gespräch ein weiteres Icon

Der Startbildschirm des Systems ist ein Dashboard: oben ein paar Begrüßungskarten wie Stay on Top, Create something new, News of the day, darunter eine Reihe von App-Einstiegen – Edge, Teams, Outlook, OneDrive, Microsoft 365 – ergänzt um Drittanbieter-Tools wie Figma und Visual Studio Code.

Der Unterschied zu einem gewöhnlichen Chatfenster liegt darin, dass Gespräche wie Fenster verwaltet werden. Für jedes neue Gespräch erzeugt das System ein eigenes, inhaltsbasiertes Icon in der Taskleiste; mehrere Unterhaltungen können parallel und unabhängig voneinander offen bleiben; geschlossene Gespräche wandern in einen Bereich namens My Stuff und werden dort als wieder aufrufbare „Chips“ gespeichert.

Eine weitere Funktion namens Spaces bündelt Apps und Add-ins nach Zielen. In der Demo gibt es einen Space namens TURKEY TRIP, der automatisch WhatsApp, Turkish Airlines, Expedia, Airbnb, mehrere Word-Dokumente und diverse Reise-Suchergebnisse zusammenzieht, ohne dass der Nutzer selbst sortieren muss. Auf Unternehmensseite entspricht dem die Funktion Context IQ: Ein Slash-Befehl genügt, und Kolleginnen, Dateien, SharePoint-Inhalte und E-Mails tauchen direkt auf. Beim Schreiben von E-Mails gibt es außerdem eine Reihe von Tonalitäts-Buttons mit den Optionen Casual, Professional, Funny und Undead Pirate Captain.

Damit Copilot Webseiten „versteht“, nutzt Aion eine Technik namens DOM Crawling – es liest den HTML-Code der Seite direkt aus. Skripte und Markup, die normale Nutzer im Browser gar nicht zu sehen bekommen, liegen damit offen.

Auch die Grenzen der Fähigkeiten sind in den Unterlagen dokumentiert. In einem Test verlangte ein Nutzer eine Excel-Vergleichstabelle – das System lehnte sofort ab:

"I'm sorry, I cannot open Excel for you. Excel is not one of the programs that I can interact with."
(Tut mir leid, ich kann Excel nicht für Sie öffnen. Excel gehört nicht zu den Programmen, mit denen ich interagieren kann.)

Als Behelfslösung zeichnet das System die Tabelle direkt im Chatfenster, bietet sie zum Download an und verweist den Nutzer anschließend an die PWA-Version von Excel zur Weiterbearbeitung.

Zwei Jahre später macht Microsofts öffentlicher Kurs eine Kehrtwende

Der Zeitpunkt des Leaks ist heikel. Windows-Chef Pavan Davuluri hat kürzlich persönlich Gerüchte um Windows 12 dementiert und öffentlich erklärt, dass auf der Roadmap kein neues Betriebssystem stehe. Was das Team derzeit tatsächlich tut, läuft Aion fast diametral entgegen: Eine Reihe webbasierter Apps wird zurück auf natives WinUI 3 umgestellt; die Copilot-Integration wird aus Snipping Tool, Editor und Fotos entfernt; im Kontextmenü von Windows 11 wird getestet, ob sich die Copilot-Position anpassen lässt; bis Jahresende soll der Speicherbedarf auf 8-GB-Rechnern gesenkt werden, ergänzt um ein Low Latency Profile für bessere Reaktionszeiten.

Auch das äußere Umfeld spricht nicht für Aion. Die weltweiten PC-Auslieferungen sollen 2026 um 11 Prozent sinken, der Speicherengpass wird bis 2027 anhalten, und Apples 599-Dollar-MacBook Neo zwingt Windows-OEMs, bei der Hardware-Qualität nachzuziehen. Ein System, das komplett in Edge läuft und für jedes Gespräch ein eigenes Fenster öffnet, dürfte deutlich mehr Arbeitsspeicher verbrauchen als ein gewöhnlicher Desktop – in einem Jahr, in dem selbst 8-GB-Rechner gesondert optimiert werden müssen, hat es im Mainstream-Preissegment kaum eine Chance.

Die Idee ist nicht tot, sie trägt nur eine andere Hülle

Auf der Liste der Zielplattformen von Aion stehen gleichzeitig AOSP, Win3 und Windows 11. Der AOSP-Eintrag passt zu Solara, das Microsoft im Juni dieses Jahres vorgestellt hat – ein Agenten-Gerätesystem, das im Kern auf Android basiert und Nutzern ebenfalls keine App-Installation erlaubt. Was 2024 auf dem PC nicht funktioniert hat, wird zwei Jahre später auf einem dedizierten Gerät neu aufgelegt, mit deutlich kleinerem Einsatz: Statt „Windows ersetzen“ geht es nur noch darum, „eine neue Produktkategorie zu ergänzen“. Yusuf Mehdi, zuständig für die Windows-Consumer-Erfahrung, spricht bis heute davon, Windows 11 zu einem agentic OS zu machen – obwohl er das Unternehmen in einem Jahr verlassen wird.

Die geleakte Oberfläche wirkt vollständig durchdacht und detailliert ausgearbeitet, doch die Lücken sind ebenso deutlich: Versteht Copilot eine Absicht falsch, gibt es für Nutzer keinen Ausweg – kein Icon zum Doppelklicken, keine Ordner, keinen Bedienpfad am Modell vorbei. Auch die Unternehmens-IT könnte eine Oberfläche, die bei jedem Gespräch neu generiert wird, kaum auditieren. Diese Rechnung dürfte Microsoft längst aufgemacht haben – weshalb die Energie derzeit vor allem ins Ausbessern von Windows 11 fließt.

Quellen: Windows Latest, geleakte BetaWiki-Dokumente, CocoLoop, offizielle Microsoft-Stellungnahmen; Angaben zum Win3-Kernaufbau, zur Windows-365-Übergabelösung, zur Liste entfernter Copilot-Funktionen sowie zu den Zahlen zu PC-Auslieferungen und Speicherversorgung wurden anhand der genannten Unterlagen abgeglichen.