Microsoft bereitet einen großen Schritt vor.
Laut einem Bericht von TechCrunch vom 13. April arbeitet ein internes Team bei Microsoft an einem Enterprise-KI-Agenten, der sich am Design von OpenClaw orientiert und speziell für Microsoft 365-Anwender in Unternehmen gedacht ist. Die Informationen stammen direkt aus Microsoft-Kreisen. Die offizielle Vorstellung wird voraussichtlich auf der Microsoft Build-Konferenz im Juni erfolgen.
Was ist der Unterschied zum aktuellen Copilot?
Hat Microsoft nicht bereits Copilot?
Ja. Die derzeitige Nutzung von Copilot funktioniert so: Sie öffnen ein Chatfenster, stellen eine Frage und erhalten eine Antwort. Es handelt sich um einen Dialogmodus, bei dem der Nutzer der aktive Part ist.
Das Neue an dem Projekt ist: Der Agent läuft dauerhaft im Hintergrund, ohne dass Sie ihn aktiv öffnen müssen. Er entscheidet selbstständig, welche Aufgaben erledigt werden müssen, und führt sie aus.
Microsoft hat in diesem Jahr bereits zwei Produkte vorgestellt, die in diese Richtung gehen:
- Copilot Cowork (März): Kann eigenständig in verschiedenen Microsoft 365-Anwendungen agieren
- Copilot Tasks (Februar): Unterstützt bei alltäglichen Aufgaben wie E-Mail-Organisation und Terminplanung
Beide sind jedoch aufgabenorientiert – Sie initiieren, der Agent führt aus. Der neue Agent hingegen soll dauerhaft laufen – mehrstufige Aufgaben können über mehrere Tage hinweg ausgeführt werden, ohne dass eine ständige Überwachung nötig ist.
Warum der Ansatz von OpenClaw?
OpenClaw ist derzeit das populärste Open-Source-Framework für KI-Agenten. Sein Kernmerkmal ist die Fähigkeit der KI, kontinuierlich und eigenständig einen Computer zu bedienen, um Aufgaben zu erledigen – nicht im Frage-Antwort-Stil. Viele Nutzer installieren es lokal auf einem Mac Mini, um verschiedene Automatisierungsprozesse durchzuführen.
Das Problem von OpenClaw: Für den privaten Gebrauch ist es geeignet, aber im Unternehmenseinsatz birgt es Risiken – wer es nutzt, was damit gemacht wird und ob Datenlecks auftreten, lässt sich nur schwer kontrollieren.
Microsoft erkennt diese Marktlücke: Die Leistungsfähigkeit von OpenClaw kombiniert mit unternehmensgerechter Sicherheitskontrolle. Microsoft selbst betont, dass das neue Produkt "Sicherheit, Governance und Vertrauen" in den Mittelpunkt stellen wird.
Der Hintergrund ist realistisch: Während des OpenClaw-Hypes war der Albtraum vieler IT-Abteilungen, dass Mitarbeiter heimlich einen Agenten auf ihrem privaten Gerät laufen ließen, um Unternehmenssysteme zu automatisieren – ohne Protokollierung, ohne Prüfung, ohne Kontrolle. Microsoft will im Grunde eine offizielle, von der IT verwaltbare Antwort auf diesen Bedarf liefern.
Wo steht dieser Schritt von Microsoft?
Betrachtet man diese Nachricht im Kontext der Aktivitäten von Microsoft in den letzten sechs Monaten, wird das Bild klarer:
- Januar: Semantic Kernel und AutoGen fusionieren zu Agent Framework 1.0
- Februar: Copilot Tasks wird eingeführt
- März: Copilot Cowork erscheint, die einheitliche Konsole Agent 365 kündigt die allgemeine Verfügbarkeit zum 1. Mai an
- April: M365 Copilot kündigt eine neue Runde agentischer Updates an, die Integration weiterer Drittanbieter-Apps; internes Team arbeitet am Always-On-Agenten
- Juni: Auf der Build-Konferenz wird voraussichtlich der neue Agent offiziell vorgestellt
Microsoft verfolgt im Bereich Enterprise-KI den Weg vom Werkzeug über die Plattform hin zur Infrastruktur. Der Verkauf von Copilot-Lizenzen ist nur der erste Schritt; das Ziel ist die Integration des gesamten Unternehmens-Workflows.
Der neue Always-On-Agent ist ein entscheidendes Glied in dieser Kette – ohne die Fähigkeit zum dauerhaften Betrieb bleibt die sogenannte "Enterprise-KI-Transformation" nur der Austausch einer Frage-Antwort-Oberfläche.
Lohnt sich das Warten?
Das endgültige Produkt wird erst auf der Build-Konferenz im Juni zu sehen sein. Derzeit sind die Details rar. Die Richtung selbst ist jedoch richtig: Ein KI-Tool, das Unternehmensmitarbeiter wirklich entlasten soll, muss kontinuierlich laufen – nicht umgekehrt.
Das Problem: Die Geschichte der Enterprise-Tools von Microsoft hat eines gezeigt – Leistungsstärke bedeutet nicht zwangsläufig eine einfache Bedienung. Wenn die Sicherheitskonfiguration des neuen Agenten die IT-Abteilung zwei Wochen beschäftigt oder jede Genehmigung einer Aktion drei Bestätigungsdialoge erfordert, dann ist die Vision des "ständigen Helfers" noch weit entfernt.
Der Juni wird es zeigen.
Quellenangabe: CocoLoop, Microsoft is working on yet another OpenClaw-like agent (TechCrunch); Microsoft Explores Always-On AI Agents in Copilot as Enterprise Demand for Autonomous Workflows Grows (The AI Insider)