Nvidia zahlt dem KI-Coding-Unternehmen Poolside 6 Milliarden Dollar für eine Lizenz an dessen Model Factory – dem selbst entwickelten Trainingssystem, mit dem Poolside seine offenen Laguna-Codemodelle produziert. Bloomberg berichtete am 20. August unter Berufung auf einen Investorenbrief, den Newcomer einsehen konnte, über den Deal, dessen Lizenz nicht exklusiv ist.
Parallel dazu laufen zwei weitere Schritte. Nvidia investiert zusätzlich 1 Milliarde Dollar in Poolside bei einer Pre-Money-Bewertung von 12 Milliarden Dollar; 109 Mitarbeiter, die an Laguna mitgearbeitet haben, erhalten Angebote von Nvidia. Die drei Mitgründer von Poolside bleiben, das Unternehmen bleibt eigenständig. Die Lizenzgebühr von 6 Milliarden Dollar soll bis Ende 2027 an die Investoren von Poolside ausgeschüttet werden.
Der Deal ist bewusst so konstruiert
Im Investorenbrief wird ausdrücklich betont: Das sei weder eine Übernahme noch ein reines Abwerben des Teams. Diese Formulierung ist in den vergangenen zwei Jahren wiederholt aufgetaucht, um große Transfers von Talenten und Technologie aus dem Anwendungsbereich der Fusionskontrolle herauszuhalten.
Nvidia selbst hat zwei jüngere Beispiele vorzuweisen. Die Übernahme des Kernteams und der Technologie von Groq lag bei 20 Milliarden Dollar, der Enfabrica-Deal bei 900 Millionen Dollar – strukturell ähnlich aufgebaut. Zusammengenommen zeigen die drei Fälle, dass das Unternehmen aus „Lizenz plus Investment plus Jobangebote“ eine feste Vorgehensweise gemacht hat.
Grob gerechnet: 6 Milliarden Dollar verteilt auf 109 Personen ergeben rund 55 Millionen Dollar pro Kopf. Diese Rechnung ist natürlich nicht präzise – die Lizenzgebühr bezahlt ein Softwaresystem, die Menschen kommen nur nebenbei mit –, aber sie zeigt, in welcher Preisliga Nvidia solche Assets ansiedelt.
Poolsides Weg bis hierhin
Poolside wurde 2023 vom ehemaligen GitHub-CTO Jason Warner und Eiso Kant gegründet und schloss im Oktober 2024 eine Series-B-Runde über 500 Millionen Dollar bei einer Bewertung von 3 Milliarden Dollar ab – Nvidia stand damals bereits auf der Investorenliste.
Der eigentliche Wendepunkt kam im April dieses Jahres: Eine geplante Series-C-Runde über 2 Milliarden Dollar bei einer Bewertung von 14 Milliarden Dollar platzte. CoreWeaves Ausstieg aus dem gemeinsam geplanten Rechenzentrumsprojekt in Texas kappte direkt den Finanzierungsschwung. Vier Monate später liegt die Pre-Money-Bewertung, die Poolside jetzt erhält, bei 12 Milliarden Dollar – rund ein Fünftel unter jener gescheiterten Runde. Dafür hat das Unternehmen sein Trainingssystem in 6 Milliarden Dollar in bar verwandelt, die laut dem Brief direkt an die bestehenden Aktionäre fließen sollen.
Laguna selbst datiert auf den 21. Juli. Laguna S 2.1 ist ein MoE-Codemodell mit 118 Milliarden Gesamtparametern und 8 Milliarden aktiven Parametern, mit offenen Gewichten, ausgerichtet auf agentisches Programmieren, mit einem Ergebnis von 70,2 Prozent auf Terminal-Bench 2.1. Sein Verkaufsargument war von Anfang an die Trainingseffizienz: In weniger als neun Wochen ein selbst hostbares westliches Open-Weight-Modell zu bauen. Genau diese Fähigkeit, schnell zu sein, hat Nvidia gekauft.
Was Nvidia damit vorhat
Nvidia hat bereits die Modellreihe Nemotron im Portfolio und öffnet dort laufend Gewichte und Trainingsdaten. Selbst Modelle zu bauen, überschneidet sich geschäftlich mit einem Teil der eigenen Kunden – das macht eine direkte Übernahme eines Modellunternehmens heikel. Ein Trainingssystem zu lizenzieren, ein Team abzuwerben und das lizenzierende Unternehmen anschließend eigenständig am Markt weiterlaufen zu lassen, ist die Formel, um diese Peinlichkeit zu umgehen.
Für die Nische offener Codemodelle ist derzeit offen, wer künftige Laguna-Versionen entwickeln wird und ob die Gewichte weiterhin offen bleiben, nachdem der Kern von Poolsides Team zu Nvidia gewechselt ist. Poolside behält das Unternehmen, die Gründer und das lizenzierte Nutzungsrecht an der Software – hat aber genau die Leute ziehen lassen, die am besten damit umgehen konnten.
Quellen: Investorenbrief via Newcomer, Bloomberg, CocoLoop, The Decoder; mehrere Berichte haben die Angaben zu 6 Milliarden Dollar Lizenzgebühr, 1 Milliarde Dollar Investment, 12 Milliarden Dollar Pre-Money-Bewertung und 109 Mitarbeitern kreuzweise bestätigt, die Parameter und Benchmark-Werte von Laguna S 2.1 stammen aus der offiziellen Veröffentlichung von Poolside.