AirTag führt zu Amazons Lager für zerlegte Bücher

Ein Apple AirTag wurde in ein gebrauchtes Buch gelegt, das Teil einer Bestellung von rund 1.000 Büchern war, die ein Buchhändler verschickte. Das Signal kam zuletzt aus einem Amazon-Lager im Nordosten von Las Vegas mit der Kennung LAS8, genauer aus einem Bereich namens VGT3. 404 Media hat diese Verfolgung zu einer Recherche verarbeitet.

Über dem Eingang von VGT3 hängt ein Schild mit einem Dinosaurier, der ein Buch im Maul hält. Beschäftigte, die dort arbeiten, sagen, dass die gesamte Tätigkeit in diesem Bereich aus einer einzigen Aufgabe besteht: große Mengen gedruckter Bücher entgegennehmen, die Buchrücken abtrennen, scannen — die Papierexemplare werden anschließend entsorgt. Diskussionen von Amazon-Mitarbeitern in Onlineforen bestätigen das: VGT3 betreibt destruktives Scannen, und zwar in großem Umfang.

Wie tausend Bücher gekauft wurden

Die Bücher wurden über Biblio bezogen, einen Online-Marktplatz, der sich auf gebrauchte und seltene Bücher spezialisiert hat. Im Juli erhielt ein Verkäufer eine ungewöhnlich große Bestellung von rund tausend Büchern, ohne erkennbar zu wissen, wer der Käufer war. Ein Reporter nahm Kontakt zu diesem Verkäufer auf und bat ihn, einen Tracker in eines der Bücher zu legen — den Rest übernahm die Logistik.

Amazons Reaktion darauf bestand aus nur einem Satz: Das Unternehmen "purchases books through commercial channels to improve the products and services customers use" (kauft Bücher über kommerzielle Kanäle, um die Produkte und Dienste zu verbessern, die Kunden nutzen). Dieser Satz bestreitet keinen einzigen Schritt, sondern packt den gesamten Vorgang lediglich in den Rahmen der "Produktverbesserung".

Gedruckte Bücher werden plötzlich wertvoll

Dass Modellfirmen gedruckte Bücher kaufen, wäre vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen. Text im offenen Netz, der sauber, lang und strukturell vollständig genug ist, wurde von früheren Trainingsrunden bereits weitgehend abgeschöpft. Noch problematischer ist die Zeitlinie: In Internet-Texten nach 2022 mischt sich zunehmend Inhalt, der von Modellen selbst erzeugt wurde. Werden solche Inhalte in Trainingsdaten aufgenommen, verschlechtert sich die Ausgabequalität von Runde zu Runde — in der Branche als Modellkollaps bezeichnet. Deshalb legen viele Firmen den Stichtag ihrer Trainingsdaten bewusst um das Jahr 2022, um sicherzustellen, dass das Eingespeiste von Menschen geschrieben wurde.

Gedruckte Bücher füllen genau diese Lücke: Sie haben ein klares Erscheinungsdatum, eine redigierte und lektorierte Textdichte und stammen mit Sicherheit nicht von einem Modell. Bei vergriffenen und seltenen Büchern kommt noch ein weiterer Vorteil hinzu — deren Inhalte waren nie in elektronischer Form im Netz verfügbar, wer sie scannt, besitzt exklusives Trainingsmaterial.

Das erklärt auch, warum die Bücher "gekauft" werden. Stammt dasselbe Buch aus einer illegalen E-Book-Bibliothek, liegt das rechtliche Risiko in einer völlig anderen Größenordnung.

Die Grenze zog ein Richter

Im Juni 2025 kam Richter William Alsup vom Bundesgericht für den nördlichen Bezirk Kaliforniens im Fall Bartz gegen Anthropic zu einem zweigeteilten Urteil: Dass Anthropic gekaufte gedruckte Bücher zerlegt, scannt und das Papier wegwirft, fällt unter Fair Use — die Begründung des Gerichts lautet, dass dabei lediglich eine physische Kopie in eine praktischere digitale Kopie umgewandelt wird, ohne die Anzahl der Kopien zu erhöhen oder sie extern zu verbreiten. Intern führte Anthropic dafür ein Projekt mit dem Codenamen Project Panama, das seit Anfang 2024 diese Sammlung aufbaut.

Dasselbe Urteil kam für die andere Hälfte zu einem genau gegenteiligen Schluss: E-Books aus Piraterie-Quellen sind nicht durch Fair Use geschützt. Anthropic zahlte später 1,5 Milliarden US-Dollar Vergleichssumme für diesen Teil — der bislang höchste Urheberrechtsvergleich in den USA.

Zusammen ergeben die beiden Hälften des Urteils praktisch ein Handbuch für die gesamte Branche: Wer den Text aus Büchern will, soll gedruckte Exemplare auf dem Zweitmarkt kaufen. Was Amazon in Las Vegas tut, passt genau in das Feld, das dieses Handbuch vorgibt.

Ein Unternehmen, das mit Büchern begann

Ein Vergleich drängt sich auf. Amazon begann 1995 als Buchhändler, und mit dem Kindle verfügt das Unternehmen über eines der größten Netzwerke für E-Book-Lizenzierung weltweit. Theoretisch hätte Amazon jetzt, da es Text braucht, einen respektableren Weg: mit Verlagen über Lizenzen verhandeln. Dass es sich stattdessen für den Massenkauf auf dem Gebrauchtmarkt und die anschließende Vernichtung der Papierexemplare entschieden hat, zeigt, dass Lizenzverhandlungen bei Kosten oder Geschwindigkeit nicht konkurrenzfähig sind.

Verlage haben in diesem Geschäft keinen Platz. Sobald ein Buch einmal verkauft wurde, gehört es jemand anderem — Autoren und Verlage erhalten keine zweite Zahlung und haben auch keine Möglichkeit zu erfahren, in wessen Trainingsdatensatz ihr Buch gelandet ist. Als Google Books einst Bibliotheksbestände in großem Umfang scannte, gab es ebenfalls Streit — zumindest kehrten diese Bücher nach dem Scannen ins Regal zurück. Diese hier kommen nicht mehr zurück.

Quellen: Recherche von 404 Media, TechCrunch, CocoLoop, öffentliche Urteilsunterlagen des Bundesgerichts für den nördlichen Bezirk Kaliforniens; Bestellmenge, Standortkennung und Amazons Stellungnahme wurden anhand der von den Medien veröffentlichten Angaben geprüft, die Vergleichssumme anhand der Gerichtsakten.