Die Sonderstellung von ChatGPT auf dem iPhone könnte nach rund anderthalb Jahren enden.
Bloombergs Mark Gurman berichtete am 5. Mai, Apple bereite für iOS 27, iPadOS 27 und macOS 27 ein System namens Extensions vor. Nutzer könnten damit in den Systemeinstellungen ein Standard-KI-Modell wählen. Claude, Gemini und ChatGPT stünden in derselben Liste; wer das Gehirn von Siri stellt, entscheidet der Nutzer.
Apple dürfte die Funktion am 8. Juni auf der WWDC offiziell vorstellen.
Wie Extensions funktionieren soll
Gurman beschreibt Extensions als Möglichkeit, generative KI-Funktionen installierter Apps bei Bedarf über Apple-Intelligence-Funktionen wie Siri, Writing Tools und Image Playground zu nutzen.
Eine aus dem App Store installierte KI-App könnte also zum Leistungsanbieter für Apple Intelligence werden. In den Einstellungen unter "Apple Intelligence & Siri" wählt der Nutzer ein Standardmodell. Danach würden Siri, Writing Tools und Image Playground alle dieses Modell verwenden. Es wäre kein Schalter pro Funktion, sondern eine systemweite Voreinstellung.
Die ersetzbaren Funktionen sollen breit gefasst sein:
- Dialoge und Befehlsverständnis von Siri
- Texterstellung, Umschreiben und Zusammenfassungen in Writing Tools
- Bilderzeugung und Bildbearbeitung in Image Playground
- Systemweite Text- und Bildverarbeitung
Apples eigene On-Device-Modelle würden weiter als Fallback laufen. Wählt der Nutzer aber Claude, dann verarbeitet Claude eine Siri-Zusammenfassung von E-Mails, eine Umformulierung in Writing Tools oder einen Bildauftrag in Image Playground.
Das übersehene Detail: die Stimme
Der interessanteste Teil des Designs betrifft die Stimme.
Apple soll verschiedenen KI-Anbietern unterschiedliche Siri-Stimmen zuweisen. Eine Antwort von Claude würde anders klingen als eine Antwort des Apple-eigenen Modells. Gemini hätte eine Gemini-Stimme, Anthropic eine Anthropic-Stimme.
Dahinter stehen Regulierung und Markenpsychologie. In Europa und den USA wächst der Druck, KI-Inhalte erkennbar zu machen. Wenn Nutzer hören, dass gerade ein Drittanbieter antwortet, nimmt Apple einem Teil der Compliance-Debatte vorweg.
Auch kommerziell ist das wichtig. Nur wenn Nutzer wahrnehmen, welche KI sie verwenden, hat die bezahlte Verteilung oder Platzierung für den Anbieter einen Markenwert. Würde Anthropic das Modell liefern, ohne dass Nutzer Claude erkennen, wäre der Effekt für Anthropic deutlich geringer.
Das Detail zeigt: Apple öffnet nicht nur widerwillig eine Schnittstelle. Das Unternehmen entwirft einen Zugangspunkt, an dem mehrere KI-Anbieter im iPhone-Ökosystem Markenwert aufbauen können.
Wer verliert und wer gewinnt
Am meisten zu verlieren hat OpenAI.
Seit 2024 behandelt Apple Intelligence ChatGPT als externes Standardmodell. OpenAI erhielt damit potenziellen Zugang zu Hunderten Millionen iPhone-Nutzern. Apple zahlte dafür nichts, doch der Distributionswert war für ein KI-Unternehmen enorm.
Mit iOS 27 stünde ChatGPT neben Claude und Gemini in derselben Auswahlliste. Aus dem "Standard-Zusatz" würde "eine Option unter mehreren"; die Sichtbarkeit dürfte deutlich sinken.
Der größte Nutznießer ist Anthropic. Claude hatte im Konsumentenvertrieb lange eine Schwäche, und Anthropic hat selbst eingeräumt, dass ChatGPT bei Endnutzern weit vorausliegt. Ein systemweiter Einstiegspunkt in iOS würde Claude auf Augenhöhe mit ChatGPT bringen und einen der wertvollsten Akquisitionskanäle öffnen.
Googles Gemini gewinnt teilweise. Apple und Google hatten zuvor über eine Gemini-Siri-Integration gesprochen, bei der Gemini als Standardgehirn dienen könnte, ohne dass Nutzer die Marke klar sehen. Als sichtbare Auswahl würde Gemini von versteckter zu ausdrücklicher Markenpräsenz wechseln.
Offene Fragen
Erstens ist unklar, welches Modell Apples eigener Standard wird. Gurmans Bericht sagt, Apple habe die Zusammenarbeit mit Google rund um Gemini verlängert. Wird Gemini der Standard, trifft das OpenAI doppelt. Wird Apples eigenes Modell der Standard, wäre Google faktisch herabgestuft. WWDC dürfte diesen Punkt klären.
Zweitens bleibt die Datenfrage offen. E-Mails, Dokumente und Eingabebilder für Image Playground können sensible Informationen enthalten. Apple verkauft Datenschutz seit Jahren als Kernversprechen, doch Drittanbieter-KI bedeutet, dass zumindest einige Daten Apples Systeme verlassen könnten. MacRumors nennt dazu keine Details; wahrscheinlich wird Apple auf der WWDC ein neues privacy framework erklären.
Drittens ist das Preismodell unklar. Zahlen Claude und Gemini pro API-Aufruf an Apple, ähnlich einer App-Store-Umsatzbeteiligung? Oder verlangt Apple Platzierungsgebühren von Anthropic und anderen Anbietern, eher wie bei Premium-Werbeflächen? Für KI-Unternehmen wären das sehr unterschiedliche Kostenmodelle.
Apple wird zu diesem Schritt gedrängt
Die Kritik an Apple Intelligence hat sich über anderthalb Jahre aufgebaut. Siri enttäuscht, Writing Tools sind uneinheitlich, und Image Playground bleibt qualitativ hinter Cloud-Modellen zurück. Apples On-Device-Modelle liegen ungefähr in der 3B-Parameter-Klasse und spielen nicht in derselben Liga wie Claude Opus oder Gemini 2.5 Pro.
Nutzer auf ein Modell festzulegen, das mehrere Generationen zurückliegt, wäre eine schlechte Erfahrung. Die Öffnung für Drittanbieter ist ein Eingeständnis, dass Apple kurzfristig nicht aufholen kann. Gleichzeitig verlagert Apple seine Rolle von Hardwaredistribution zu einem Zugangstor für KI-Traffic.
Apple verdient nicht primär mit KI-Modellen, sondern mit iPhones. Wenn schwache KI-Funktionen Nutzer zu Android treiben, ist der Schaden größer. Claude als Gehirn von Siri könnte die iPhone-Erfahrung verbessern und den Hardwareabsatz schützen.
OpenAI muss darauf womöglich mit eigenen ChatGPT-Geräten und Betriebssystemplänen reagieren. Sam Altmans Investment in Jony Ives io-Projekt wirkt strategisch zumindest folgerichtig.
Quellen: iOS 27 will let you choose between Gemini, Claude, CocoLoop, and more for AI features: report (9to5Mac); iOS 27 Will Let You Pick Claude or Gemini Instead of ChatGPT for Apple Intelligence (MacRumors); CocoLoop