Ferrari überarbeitet Fan-App mit IBM-KI – Engagement steigt um 62%

Drei Viertel der neuen Ferrari-Fans sind Frauen. Das ist keine PR-Aussage, sondern das sagte Kameryn Stanhouse, Vice President für Sport- und Unterhaltungspartnerschaften bei IBM, im Interview mit TechCrunch: „75 % der neuen F1-Fans sind Frauen.“ Die Netflix-Dokumentation Drive to Survive hat das F1-Publikum in den letzten Jahren völlig verändert und eine Gruppe angezogen, die Ferrari nicht vertraut ist.

Neue Herausforderung für das Traditions-Team

Ferraris Stellung in der F1 ist unbestritten: Seit 1950 hat das Team jedes Jahr teilgenommen und ist, wie Stanhouse es ausdrückte, „das siegreichste Team der Geschichte.“ Doch jahrzehntelang war das Fanprofil männlich, europäisch und extrem loyal – Fans, die jede Übertragung sehen und jahrelang Statistiken verfolgen. Die neuen Fans sind anders. Sie wissen vielleicht nicht, was Tifosi bedeutet, aber sie haben Lewis Hamiltons Wechsel zu Ferrari genauer verfolgt als jeder andere. Die alte App konnte sie weder halten noch mit technischen Inhalten versorgen.

Also sprang IBM ein.

Interaktion an Renntagen um 62% gestiegen

IBM hat die App nicht komplett neu aufgebaut, sondern KI als Middleware-Schicht eingefügt:

  • KI-Rennrückblicke: Nach einem Rennen erstellt die App sofort eine Zusammenfassung, ohne auf Redakteure warten zu müssen.
  • Vorhersagespiele: Nutzer tippen Rundenzeiten, Überholmanöver und Safety-Car-Einsätze, die KI wertet aus.
  • KI-Frageassistent: Neue Fans können die komplizierten F1-Regeln – Reifengrip, DRS-Zonen, Kraftstoffmischung, Boxenstrategie – erfragen und erhalten sofortige Erklärungen.
  • Italienisch-Support: Die App hatte zuvor keine italienische Version; jetzt ist Ferraris Heimatsprache verfügbar.
  • Verhaltensbasierte Personalisierung: Die KI passt die Startseite basierend auf den Fahrern und Inhalten an, mit denen ein Nutzer am meisten interagiert.

Stanhouse berichtete von einem Anstieg der App-Interaktion an Renntagen um 62% nach IBMs Eingreifen. Das sind nicht die täglich aktiven Nutzer, sondern die Aktivität an Renntagen – die härteste Kennzahl für Sport-Apps.

Stefano Pallard, Ferraris Leiter der Fanentwicklung, formulierte es direkter: „Mit IBM ist die Vision für die nächsten fünf Jahre, dass jeder Fan das Gefühl hat, die Erfahrung sei speziell für ihn gemacht.“

„24 Leute, 2 Sekunden, ein Reifenwechsel“

Das Schwierigste am Einsatz von KI für Sportinhalte ist nicht die Technologie – es ist die Übersetzung von Expertenwissen für Laien, ohne den Insider-Reiz zu verlieren. Stanhouse nannte ein Beispiel aus der App: „Es gibt zwei Fahrer, aber wussten Sie, dass 24 Leute gleichzeitig in zwei Sekunden arbeiten, um einen Reifen zu wechseln?“

Für erfahrene Fans ist dieses Detail keine Neuigkeit; für neue Fans ist es ein Haken. Die Aufgabe des KI-Empfehlungssystems ist es, zu bestimmen, ob ein Nutzer die Komplexität von Boxenstopps bereits kennt oder sie „Wow“-Niveau hat, und dann unterschiedliche Inhalte auszuspielen. Früher segmentierten Redakteure das Publikum manuell; jetzt erledigt das Modell die Arbeit.

KI im Sport nicht nur auf der Rennstrecke

Ferrari ist nicht das einzige F1-Team, das mit Technologieunternehmen zusammenarbeitet: AWS verwaltet die Renn-Datenströme, Oracle liefert Echtzeitanalysen für Red Bull, und Anthropic ist ebenfalls eingestiegen, wie Stanhouse anmerkte. Doch die meisten dieser Partnerschaften dienen dem Team – sie helfen Strategen bei der Entscheidung, wann ein Boxenstopp ansteht, oder Analysten bei der Überprüfung von Renndaten. IBMs Arbeit ist für die Fans, ein anderes Konzept.

Auf der Strecke werden jede Sekunde Millionen von Datenpunkten generiert. IBMs Ziel ist es, diese Daten von den Bildschirmen der Ingenieure auf die Handys der normalen Nutzer zu bringen, und zwar in einer verständlichen Form.

Ein Kommentar am Rande

Sportorganisationen, die mit Technologieunternehmen KI-Tools entwickeln, sind in den letzten Jahren keine Seltenheit mehr. Doch die meisten Fälle enden mit „Unternehmen ausgewählt, Funktion eingebaut, Pressemitteilung raus“ – nur wenige erzielen tatsächlich ein Engagement-Wachstum von über 60%. Bemerkenswerter ist Ferraris Entscheidungslogik: Es wählte weder einen Silicon-Valley-Giganten noch ein Personalisierungs-Startup, sondern IBM, ein Unternehmen mit langer Geschichte in der Unternehmenssystemintegration, das langfristige Projekte stemmen kann. Die Überlegung dahinter ist pragmatisch – Fan-Engagement ist eine langfristige Aufgabe; ein paar glänzende Demos nützen nichts. Man braucht einen Partner, der bereit ist, fünf Jahre durchzuhalten.

Für andere Sport-IPs – NBA, Premier League, Tennis-Grand-Slams – ist dies eine Blaupause, die es nachzuahmen lohnt. Sie alle stehen vor dem gleichen Problem: Neue Zuschauer kommen herein, alte Apps reichen nicht aus.

Quellen: CocoLoop, Ferrari is using IBM's AI to create F1 superfans (TechCrunch)