Alphabet steigt um 160%, weil der Markt den AI-Stack neu bewertet

4,8 Billionen Dollar.

So hoch war der Börsenwert von Alphabet zum Handelsschluss am Freitag. In den vergangenen zwölf Monaten stieg die Aktie um 160%, allein im April um 34%. Das war der stärkste Monatsgewinn seit 2004.

Vor einem Jahr wurde Google am Markt noch im Grunde als AI-Nachzügler mit Abschlag gehandelt.

Vor einem Jahr wollte niemand für Googles AI-Story zahlen

Der Blick zurück zeigt, wie stark sich die Wahrnehmung gedreht hat. Am 31. Oktober 2025 war Nvidia 4,9 Billionen Dollar wert, Alphabet 3,4 Billionen Dollar. Die Lücke lag bei fast 1,5 Billionen Dollar. Danach schrumpfte sie schnell.

Bis Mai 2026 legte Nvidia um 6,3% zu, Alphabet dagegen um 43%. Heute liegen die beiden näher beieinander: Nvidia bei 5,2 Billionen Dollar, Alphabet bei 4,8 Billionen Dollar. Apple folgt mit 4,3 Billionen Dollar, Microsoft mit 3,1 Billionen Dollar und Amazon mit 2,9 Billionen Dollar.

UnternehmenBörsenwert
Nvidia$5.2T
Alphabet$4.8T
Apple$4.3T
Microsoft$3.1T
Amazon$2.9T

Luke O'Neill, CIO von CooksonPeirce Wealth Management, sagte, Alphabet besetze in fast jeder Ecke des AI-Ökosystems eine wichtige Position. Zusammengenommen mache das Angebot den Konzern zu einem der besten Kandidaten für den größten AI-Gewinner.

Anders gesagt: Wer Nvidia kauft, kauft die Schaufel. Wer Alphabet kauft, kauft Schaufel, Goldmine und den Verkäufer der Minenkarte zugleich.

Die jüngsten Zahlen machten die Geschichte rund

Der Auslöser war konkret. Google Cloud erzielte im ersten Quartal 20 Milliarden Dollar Umsatz, 63% mehr als im Vorjahr. Der Auftragsbestand verdoppelte sich auf 460 Milliarden Dollar. Das sind unterschriebene Verträge, die noch nicht als Umsatz verbucht wurden, also für Jahre gebundene AI-Nachfrage.

TPU ist die zweite Linie. Googles eigene AI-Chips waren früher vor allem intern im Einsatz, nun werden sie zunehmend extern angeboten. Das TPU-Geschäft könnte in diesem Jahr 3 Milliarden Dollar und im nächsten Jahr 25 Milliarden Dollar erreichen. Sundar Pichai sagte im Earnings Call, TPU-Chips würden Google-Cloud-Kunden bald den Betrieb in eigenen Rechenzentren ermöglichen.

Die Botschaft ist klar: Alphabet greift Nvidia in dessen Geschäft an. Dass Anthropic TPU-Bestellungen bei Google im Wert von 21 Milliarden Dollar aufgegeben hat, kommt nicht aus dem Nichts.

Divyaunsh Divatia von Janus Henderson formulierte es direkter: Alphabet habe alles, was Investoren wollen. Deshalb hielten sie die Aktie gern, weil der Konzern im AI-Markt auf so viele Arten gewinnen könne.

Billig ist die Aktie nicht mehr

Das KGV liegt bei 28, gegenüber einem Zehnjahresdurchschnitt von unter 21. Das ist der höchste Stand seit 2008.

Analysten haben ihre Gewinnschätzungen für 2026 im vergangenen Monat um 19% angehoben, die für 2027 um mehr als 7%. Es steigen also nicht nur die Bewertungsmultiplikatoren, sondern auch die Gewinnerwartungen. Diese doppelte Anhebung trägt die Logik hinter dem 160%-Anstieg.

Gleichzeitig liegt das Konsenskursziel bei rund 422 Dollar und damit nur 5,4% über dem aktuellen Kurs. Wall Street signalisiert, dass ein großer Teil der Euphorie bereits eingepreist ist.

Auch O'Neill räumt ein, dass Alphabet nicht mehr zum Schnäppchenpreis zu haben ist. Er hält es aber für möglich, dass der Konzern das Bewertungsniveau hält oder sogar ausweitet. Kurz gesagt: teuer, aber nicht zwingend am Ende.

Die Risiken sind ebenso klar. Gemini kann jederzeit von Wettbewerbern überholt werden. Widerstand gegen Rechenzentren bremst den Infrastrukturausbau. Und die Aktie steht auf dem höchsten Bewertungsniveau seit 2008.

Die eigentliche Verschiebung

Dass Alphabet binnen zwölf Monaten vom AI-Verlierer zum heißen Kandidaten für den AI-Thron wurde, ist im Kern eine Neubewertung der AI-Wertschöpfungskette.

Nvidias Geschichte lautet: die teuersten Schaufeln verkaufen. Doch der Markt fragt zunehmend, was mit diesem zyklischen Geschäft passiert, wenn AI-Ausgaben eines Tages langsamer wachsen.

Alphabet steht für Suche, Cloud, YouTube, Waymo, Gemini und TPU. Fällt ein Bein aus, laufen fünf andere weiter. AI-Cashflow kann das Werbegeschäft stützen, der Cloud-Backlog gibt Sichtbarkeit für mehrere Jahre, und TPU kann eine zweite Wachstumskurve eröffnen.

Auch der jüngste Einstieg von Warren Buffetts Berkshire Hathaway ist ein stilles Vertrauensvotum.

Als Nächstes zählt, wann Sundar Pichai TPU wirklich für Drittanbieter-Kunden ins Regal stellt. Dann würde Alphabet vom Modellunternehmen zum AI-Infrastrukturunternehmen wechseln, und Nvidias Griff würde etwas lockerer.

Quellen: CocoLoop, AI wins have Alphabet poised to become world's biggest company (Fortune); Alphabet's 160% rally in a year reflects value of owning 'most of the stack' in AI (CNBC)