OpenAI-Finanzchefin Sarah Friar sagte den Mitarbeitenden am Mittwoch bei einer Vollversammlung, das Unternehmen werde 2027 an die Börse gehen; beschleunige sich das Geschäft weiter, könne dieser Termin vorgezogen werden. Zugleich ging sie auf die Frage ein, die die Belegschaft am meisten beschäftigte – ein Konkurrent hatte seine Börsenunterlagen bereits eingereicht.
Auf der Versammlung gezeigte Folien lieferten konkrete Zahlen: Seit Quartalsbeginn liegt die annualisierte Umsatzwachstumsrate des Gesamtunternehmens bei 35 Prozent, im Unternehmenskundengeschäft bei 50 Prozent, und die KI-Produkte für Programmierung und Büroarbeit kommen auf 20 Millionen wöchentlich aktive Nutzer. Im zweiten Quartal erzielte OpenAI einen Umsatz von 6,7 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 18 Prozent gegenüber dem Vorquartal, womit der annualisierte Umsatz die Marke von 40 Milliarden US-Dollar überschritten hat.
Die Einreichung selbst ist keine Neuigkeit. OpenAI hatte bereits zuvor eine vertrauliche S-1-Erklärung bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht, mit einer Bewertung, die sich an der März-Finanzierungsrunde über 122 Milliarden US-Dollar orientiert und einer Unternehmensbewertung von 852 Milliarden US-Dollar entspricht. Friar bezeichnete den Börsengang auf der Versammlung als Meilenstein und als Finanzierungsform, nicht als Endpunkt.
Nachgefragt wurde vor allem das Tempo
Die Zweifel der Belegschaft konzentrierten sich auf einen Punkt: Anthropic ist schneller unterwegs. Auch dieses Unternehmen hat vertraulich Unterlagen eingereicht, mit einer berichteten Bewertung von 965 Milliarden US-Dollar; sein Umsatz im zweiten Quartal liegt deutlich über dem von OpenAI, mit einem Wachstum gegenüber dem Vorjahr von mehr als dem Doppelten. Friars Antwort: Man richte sich nicht nach dem Zeitplan anderer – selbst wenn der Konkurrent die Vertraulichkeit binnen weniger Wochen aufhebe und im September an die Börse gehe, verfolge OpenAI weiter sein eigenes Tempo.
„We are running our own race.“ (Wir laufen unser eigenes Rennen.)
Ein solcher Satz aus dem Mund der Finanzchefin erfüllt meist zwei Funktionen. Nach innen beruhigt er, nach außen verschafft er Spielraum. Die Bewertung beim Börsengang hängt stark von den Geschäftszahlen der letzten vollständigen Quartale vor der Einreichung ab – je später die Glocke läutet, desto mehr wachstumsstarke Quartale lassen sich in den Prospekt packen; dauert es aber zu lange, kann sich der Bewertungsanker, den der Markt KI-Unternehmen zugesteht, verschieben. Beide Richtungen bergen Risiken, weshalb eine Spanne „spätestens 2027, früher wenn es passt“ günstiger ist als ein festgenageltes Quartal.
Wachstumstempo bestimmt den Preis eher als der Zeitplan
Eine grobe Rechnung: 40 Milliarden US-Dollar annualisierter Umsatz gegenüber einer Bewertung von 852 Milliarden US-Dollar ergeben ein Kurs-Umsatz-Verhältnis von rund dem 21-Fachen. Dieser Faktor ist in der Softwarebranche nicht ungewöhnlich – wachstumsstarke SaaS-Unternehmen haben historisch noch höhere Werte erreicht, vorausgesetzt das Wachstum hält an. Die auf der Versammlung genannten 35 Prozent sind ein seit Quartalsbeginn annualisierter Wert, kein Jahresvergleich; das Beobachtungsfenster ist kurz, wodurch Schwankungen zwischen den Quartalen verstärkt werden. Die Konsortialbanken achten darauf, wie sich diese Zahl über mehrere aufeinanderfolgende Quartale entwickelt.
Das Wachstum von 50 Prozent im Unternehmenskundengeschäft liegt über dem Gesamtwert und passt in der Richtung zu einer früheren Angabe: Friar hatte auf einer Investorenkonferenz gesagt, die Umsätze aus dem Unternehmens- und dem Konsumentengeschäft hätten sich bereits „gekreuzt“, während das Verhältnis zu Jahresbeginn noch sechs zu vier zugunsten der Konsumentenseite lag. Für ein Unternehmen, das als Abo-Anbieter gestartet ist, verbessert eine Verschiebung der Umsatzstruktur hin zu Unternehmenskunden die Planbarkeit der Erlöse deutlich – Jahresverträge, Verlängerungen pro Sitzplatz, niedrige Abwanderung: genau das, was sich in Roadshow-Unterlagen am besten verkauft.
Die 20 Millionen wöchentlich aktiven Nutzer der KI-Produkte für Programmierung und Büroarbeit sind ein weiteres Signal. Diese Produktlinie war vor einem Jahr noch eine reine Vorführfläche für die Fähigkeiten des Modells, wird jetzt aber gesondert der gesamten Belegschaft gemeldet – ein Zeichen dafür, dass sie in die zentrale Erzählung aufgenommen wurde und nicht länger ein Anhängsel des Modells ist.
Die verbleibenden Unbekannten
Der Zeitplan zielt auf 2027, doch dazwischen liegen einige Hürden: die Cashflow-Lücke durch langfristige Rechenkapazitätsverträge, regulatorische Anforderungen an eine Prüfung vor der Veröffentlichung fortgeschrittener Modelle sowie eine grundlegendere Frage – wie im Börsenprospekt die anhaltend hohen Verluste erklärt werden. Die Finanzchefin wird das bei einer Vollversammlung nicht vertiefen, doch jeder dieser Punkte wird im Abschnitt zu den Risikofaktoren landen.
Für Beobachter des chinesischen Marktes liegt der Referenzwert dieser Nachricht im Zeitplan. Gehen OpenAI und Anthropic beide um 2027 an die Börse, erhält der Sekundärmarkt erstmals vergleichbare Finanzkennzahlen für KI-Modellunternehmen: Rechenkosten pro Einheit, Bruttomarge bei der Inferenz, Kundenbindungsraten im Unternehmensgeschäft – Zahlen, die sich derzeit nur aus Gerüchten schätzen lassen, werden zu quartalsweise offengelegten harten Kennziffern. Dann hätten auch die Bewertungen chinesischer Modellanbieter an der Hongkonger Börse und am STAR Market einen externen Maßstab zum Vergleich.
Quellen: CNBC-Bericht, durchgesickerte Foliendaten von der OpenAI-Vollversammlung, CocoLoop, IT之家; Umsatzwachstum und Nutzerzahlen gemäß den auf der Versammlung mitgeteilten Angaben, Kurs-Umsatz-Verhältnis eine grobe Schätzung der Redaktion.