EY stattet 130.000 Wirtschaftsprüfer mit KI-Agenten aus

Wer ein Beispiel dafür sucht, dass „KI-Agenten in die Produktion gegangen sind", findet bei EY derzeit das überzeugendste.

Anfang April kündigte EY die globale Einführung von unternehmensweiter agentischer KI an, die 130.000 Prüfungsfachleute umfasst, 160.000 Prüfungsmandate betrifft und sich über 150 Länder und Regionen erstreckt.

Dies ist kein Pilotprojekt. Es ist eine produktionsreife, global synchronisierte Einführung.

Wie groß ist der Umfang

EY beziffert das Volumen seines Systems mit 1,4 Billionen verarbeiteten Journaleinträgen pro Jahr.

Was bedeutet diese Zahl? Einfach gesagt: Jeder manuelle Prozess ist in diesem Maßstab unmöglich. Allein das Durchgehen der Daten übersteigt die Grenzen menschlicher Fähigkeiten – das ist der wahre Grund für die Existenz von KI-Agenten, nicht „20 % Effizienzsteigerung", sondern „niemand kann es überhaupt tun".

Die Kernplattform von EY heißt EY Canvas, eine einheitliche Technologieplattform, die alle globalen Prüfungsaktivitäten abdeckt. Das neue Agentensystem ist direkt darin eingebettet und nutzt die zugrunde liegenden Fähigkeiten von Microsoft Azure, Microsoft Foundry und Microsoft Fabric.

EY ist eines der ersten Mitglieder der Microsoft Frontier Firm AI Initiative; weltweit nur 14 Organisationen wurden für die Bereitstellung fortschrittlicher KI in diesem Umfang anerkannt.

Was die Agenten konkret tun

Nach Angaben von EY übernimmt das Multi-Agenten-System drei Hauptaufgaben:

  • Koordination komplexer Prüfungsaufgaben: Aufgabenabläufe über mehrere Prozesse und Technologiesysteme hinweg, ohne dass Prüfer manuell verknüpfen müssen
  • Dynamische Risikobearbeitung: Echtzeit-Aktualisierung der Risikobewertung auf Basis neuer Informationen, mit kontinuierlich aktualisierten Prüfungs- und Rechnungslegungshinweisen
  • Reduzierung des Verwaltungsaufwands: Wiederholte, wenig beurteilungsintensive Arbeiten werden an den Agenten delegiert, sodass sich Prüfer auf Bereiche konzentrieren können, die Fachurteile erfordern

EY betont: KI übernimmt die Arbeitslast, menschliches Urteilsvermögen, berufliche Skepsis und Einsicht bleiben im Kern erhalten.

Diese Aussage ist nicht nur PR-Sprache, sondern auch eine regulatorische Anforderung der Branche – der Wirtschaftsprüfer trägt die endgültige Verantwortung für das Prüfungsurteil, nicht die KI.

Wie viel wurde investiert

EY spricht von „multibillion-dollar" – also mehreren Milliarden US-Dollar.

Der genaue Betrag wurde nicht genannt, aber allein diese Größenordnung spricht für sich: Dies ist kein kleines IT-Budget-Projekt, sondern eine strategische Investition, um die Arbeitsweise der Prüfungsbranche neu zu definieren.

Der vollständige Einführungszeitplan erstreckt sich bis 2028. Die aktuelle Phase läuft bereits; die vollständige, durchgängig KI-gestützte Prüfung soll bis 2028 alle Geschäftsbereiche abdecken.

Janet Truncale, globale Vorsitzende und CEO von EY, sagte direkt:

„EYs Mensch-Maschine-Kollaboration und KI-gestützte Prüfung sind ein marktführendes Beispiel für Unternehmens-KI in der Praxis."

Warum die Big Four in Eile sind

Die Prüfungsbranche steht unter einem subtilen Druck: Kunden nutzen KI, daher müssen Prüfer ebenfalls KI einsetzen, um KI-Outputs zu prüfen.

Die Finanzberichte eines börsennotierten Unternehmens werden zunehmend von KI generiert oder optimiert. Mit manuellen Methoden diese Zahlen zu prüfen, führt zu Effizienz- und Genauigkeitsproblemen.

Die Logik von EY: Nicht wir wollen KI annehmen, sondern die Branche hat ein Stadium erreicht, in dem Prüfungen ohne KI nicht mehr gut durchgeführt werden können.

Realistischer Wettbewerbsdruck kommt aus dem Vergleich innerhalb der Big Four. KPMG, Deloitte und PwC treiben ebenfalls ihre eigenen KI-Einführungen voran. Wer zuerst einen Vorsprung bei der Skalierung aufbaut, wird in den kommenden Jahren mehr Kunden gewinnen.

Was bedeutet das für Prüfer

EY hat gleichzeitig ein Schulungsprogramm gestartet, das alle Prüfungs- und Technologierisikomitarbeiter weltweit abdeckt, und ist dem Industrial Affiliates Program des Stanford Institute for Human-Centered AI (HAI) beigetreten.

Aus diesen Begleitmaßnahmen wird deutlich, dass EY dies nicht als einfaches „Tool-Upgrade" betrachtet, sondern als eine Transformation, die eine Umschulung der gesamten Berufsgruppe erfordert.

Die andere Seite dieser Einführung ist ebenfalls beachtenswert: Wenn KI-Agenten einen Großteil der Prüfungsarbeit übernehmen können, wie viele der 130.000 Mitarbeiter werden dann in Zukunft noch benötigt?

EYs Antwort lautet: 2028, dann könnte die Lage klarer sein.

Die Wirtschaftsprüfungsbranche gilt traditionell als konservativ. EYs Schritt zeigt eines: Selbst die konservativste Branche beginnt, Agenten ernst zu nehmen.

Quellenangabe: EY launches enterprise-scale agentic AI to redefine the audit experience for the AI era (offizielle Pressemitteilung von EY); EY Rolls Out Agentic AI in Assurance Across Its Global Network of Accounting Firms (CPA Practice Advisor); CocoLoop; EY's agentic AI pivot - A watershed moment for audit quality? (Accountancy Age)