Anthropic erwägt neues KI-Modell vor Börsengang gegen Astra

Reuters berichtete am 19. September unter Berufung auf drei mit der Sache vertraute Personen, Anthropic erwäge ein neues Modell, um dem Wettbewerbsdruck nach dem Start von OpenAIs GPT-6 Astra zu begegnen – zeitlich vor dem vom Unternehmen erwarteten Börsengang. Dieselben Quellen zufolge werde intern zugleich die Sicherheit des Modells geprüft. Anthropic äußerte sich nicht öffentlich zu dem Bericht.

Die einzige belegbare Zahl im Bericht stammt aus der jüngsten Auswertung der Unternehmensausgaben-Plattform Ramp: Astra macht demnach rund 13 Prozent der von Ramp beobachteten Unternehmens-KI-Ausgaben aus, Anthropics Claude Fable rund 8 Prozent. Es handelt sich um eine Stichprobe, die nur Erstattungen und Abonnements der eigenen Ramp-Kunden erfasst – kein Abbild der tatsächlichen Umsatzanteile beider Unternehmen und ohne Berücksichtigung selbst gehosteter Einsätze.

Kollision mit einer Stellungnahme von vor einer Woche

Am 12. September veröffentlichte Anthropic-CEO Dario Amodei einen rund 3.800 Wörter langen Essay, in dem er die gesamte Branche aufforderte, das Tempo der Fähigkeitssteigerung zu drosseln, um Raum für die Sicherheitsausrichtung zu schaffen.

We must slow the pace at which we improve the capabilities of AI models.

Wir müssen das Tempo drosseln, mit dem wir die Fähigkeiten von KI-Modellen verbessern.

Sieben Tage später wird nun berichtet, dass genau dieses Unternehmen ein gezieltes neues Modell nachschieben will. Auf Unternehmensebene müssen sich diese beiden Dinge nicht widersprechen: Gedrosselt werden soll das Tempo an der Fähigkeitsobergrenze, nachgeschoben werden könnte lediglich eine technisch aufbereitete Version derselben Generation. Unklar bleibt es, weil Außenstehende keine Grundlage zur Einordnung haben – Anthropic hat weder erklärt, welcher Klasse das neue Modell angehört, noch bestätigt, dass es überhaupt existiert.

Der Börsengang rückt weiter nach hinten

Zwei mit der Sache vertraute Personen sagen, Anthropic könnte den Börsengang auf die Zeit nach den US-Zwischenwahlen im November verschieben, wobei die Wahl selbst voraussichtlich keinen großen Einfluss auf die Emission haben wird. Zuvor durchgesickerte Konditionen sprachen von einer Bewertung um 2 Billionen US-Dollar und einem Emissionsvolumen von bis zu 100 Milliarden US-Dollar; Mitte September gab es zudem Berichte, wonach Nvidia in dieser Runde bis zu 10 Milliarden US-Dollar zeichnen könnte. Keine dieser Zahlen wurde bislang vom Unternehmen bestätigt, ebenso wenig das Konsortium der Konsortialbanken, die Börse oder die Zahl der auszugebenden Aktien.

Reiht man die Ereignisse der vergangenen drei Wochen aneinander, ergibt sich folgende Abfolge: zuerst ein offener Brief mit der Forderung nach branchenweiter Entschleunigung, dann eine strategische Zeichnung, die außenstehend als Platz in der ersten Reihe gedeutet wird, schließlich ein Modell, das der Konkurrenz begegnen soll. Für sich genommen ist jeder Schritt schlüssig, in der Gesamtschau dürfte die Roadshow aber wohl auf dieselbe Frage stoßen: Wenn das Entschleunigungsversprechen im Prospekt steht, wer entscheidet dann über das Tempo künftiger Modellveröffentlichungen?

Der Wettbewerbsdruck ist real, die Marktanteilszahlen sind schwach

Die Ramp-Zahlen von 13 zu 8 Prozent werden immer wieder zitiert, weil sie eines der wenigen monatlich aktualisierbaren Ausgabenfenster eines Drittanbieters sind. Ihre Schwäche ist ebenso offensichtlich: Erfasst werden nur Kreditkarten- und Erstattungsflüsse, direkte API-Anbindungen, private Cloud-Einsätze und Weiterverkauf über Vertriebskanäle bleiben außen vor. Beide Unternehmen haben bislang keine vergleichbaren Umsatzzahlen im Unternehmensgeschäft veröffentlicht, sodass jede aus diesen Zahlen abgeleitete Marktanteilsschätzung mit Vorsicht zu genießen ist.

Der nächste überprüfbare Meilenstein ist konkret: ob Anthropic rund um die Antragstellung ein neues Modell veröffentlicht und ob dessen Leistungsklasse über oder neben Claude Fable 5.1 liegt. Bis dahin stützt sich jede einzelne Angabe in den Berichten allein auf anonyme Quellen.

Quellen: Reuters, Ramp-Unternehmensausgabentracking, CocoLoop, Seeking Alpha; Bewertung und Emissionsvolumen wie zuvor öffentlich berichtet zitiert, vom Unternehmen nicht bestätigt.