Reuters berichtete am 11. September, dass Anthropic mit Nvidia über eine Beteiligung als Ankerinvestor beim geplanten Börsengang (IPO) verhandelt. Zwei mit der Sache vertraute Personen nannten folgende Zahlen: Anthropic plant, bis zu 100 Milliarden Dollar einzusammeln, was einer Bewertung von rund 2 Billionen Dollar entspricht, während Nvidia erwägt, bis zu 10 Milliarden Dollar zu investieren. Die Pläne befinden sich noch in der Diskussion und können sich ändern, beide Unternehmen haben keine Stellungnahme abgegeben.
Die Rolle eines Ankerinvestors besteht darin, sich bereits vor dem öffentlichen Angebot an institutionelle Anleger zur Zeichnung eines erheblichen Anteils zu verpflichten. Diese Position wird üblicherweise Staatsfonds, großen Vermögensverwaltern oder branchennahem Kapital vorbehalten, das eng mit dem Geschäft des Emittenten verflochten ist. Nvidia gehört zur dritten Kategorie: Anthropic trainiert seine Claude-Modellreihe mit Nvidia-Chips.
Die Zahlen im Überblick
Sollte sich das Emissionsvolumen von 100 Milliarden Dollar bestätigen, wäre dies der größte Börsengang aller Zeiten. Nvidias 10 Milliarden Dollar machen davon rund ein Zehntel aus.
Auf der Bewertungsseite verläuft die Entwicklung noch schneller. Die Finanzierungsrunde über 65 Milliarden Dollar im Mai dieses Jahres bewertete das Unternehmen nach der Investition mit 965 Milliarden Dollar. Vier Monate später liegt die für den Börsengang diskutierte Bewertung bei rund 2 Billionen Dollar, manche Berichte nennen sogar 2,3 Billionen Dollar. Von 965 Milliarden auf 2 Billionen gerechnet, hat sich die Bewertung in vier Monaten mehr als verdoppelt.
Auf der Umsatzseite liegen folgende öffentliche Zahlen vor: Bis Ende Juli erreichte Anthropics annualisierter Umsatz rund 65 Milliarden Dollar; die Umsatzprognose für 2028 liegt zwischen 190 und 200 Milliarden Dollar, wobei diese Prognose aus Medienberichten stammt und keine offizielle Unternehmensangabe ist. Teilt man die Bewertung von 2 Billionen Dollar durch den annualisierten Umsatz von 65 Milliarden Dollar, ergibt sich ein Kurs-Umsatz-Verhältnis von rund 31; geteilt durch den Median der 2028er-Prognose von 195 Milliarden Dollar ergeben sich rund 10. Dies sind grobe Überschlagsrechnungen ohne Berücksichtigung der Kapitalstruktur und künftiger Verwässerung.
Nvidias andere Rechnung
Dass Nvidia Geld in seine eigenen Kunden steckt, ist an sich schon umstritten. Das Unternehmen hat zuvor bereits bei OpenAI, SSI und anderen Firmen ähnliche Wetten platziert: Bargeld gegen Beteiligung, während die Kunden mit demselben Bargeld wiederum Chips kaufen. Kritiker nennen das zirkuläre Geschäfte und meinen, dies lasse die Chipnachfrage stärker erscheinen, als sie tatsächlich ist.
Anthropics Beschaffung hängt nicht allein an Nvidia. Das Unternehmen hat zuvor mit Microsoft eine Azure-Rechenkapazitätszusage über 30 Milliarden Dollar unterzeichnet und verfügt zudem über separate Vereinbarungen zu Rechenkapazität beziehungsweise Chips mit Google und AMD. Amazon als früher Investor hat ein bilanzielles Engagement, das deutlich größer ist als Nvidias 10 Milliarden Dollar. Sollte der Börsengang im kolportierten Umfang zustande kommen, erhält Nvidia damit einen Platz in der ersten Reihe, aber keine kontrollierende Stellung.
Zeitpunkte, die zusammenfallen
Mehreren Berichten zufolge zielt Anthropics Zeitfenster für den Börsengang auf die Zeit vor den Zwischenwahlen im November, das Pre-Roadshow-Marketing könnte Mitte Oktober beginnen. Dieser Zeitplan fällt mit einer anderen Entwicklung zusammen: In derselben Woche veröffentlichte Amodei einen Beitrag, in dem er die gesamte Branche aufrief, das Tempo bei der Weiterentwicklung der Fähigkeiten von Frontier-Modellen zu drosseln, während Altman bestätigte, dass OpenAI 2026 nicht an die Börse gehen werde, mit Sicherheitsbedenken als Begründung.
Dass ein Unternehmen einerseits das Emissionsvolumen auf einen historischen Rekordwert treibt und andererseits für eine Verlangsamung des technologischen Fortschritts eintritt - wie sich das gegenüber Investoren erklären lässt, dazu geben die öffentlichen Unterlagen keine Antwort. Die Verlangsamung betrifft das Tempo der Fähigkeitssteigerung, der Börsengang die Kapitalstruktur, logisch stehen beide nicht im Widerspruch; aber dass Investoren gleichzeitig akzeptieren sollen, das Unternehmen werde "sich aktiv verlangsamen", und dabei eine Bewertung von 2 Billionen Dollar hinnehmen sollen - diese Frage dürfte bei der Roadshow wohl gestellt werden.
Was noch fehlt
Die einzige Quelle dieses Berichts sind zwei mit der Sache vertraute Personen. Es gibt keinen veröffentlichten Börsenprospekt, keine Liste der Konsortialbanken, keine festgelegte Preisspanne, und beide Unternehmen haben nicht bestätigt, dass überhaupt Verhandlungen stattfinden. Die Obergrenze von 10 Milliarden Dollar bei Nvidia ist eine in Erwägung gezogene Zahl, keine unterschriebene Zusage. Beim letzten Mal hatte der Markt den Börsengang von Anthropic bereits für Oktober vermutet, am Ende kam es damals lediglich zur Einreichung der Unterlagen.
Quellen: Reuters, Benzinga, CocoLoop, PYMNTS; Emissionsvolumen, Bewertungsspanne und Nvidias Investitionsobergrenze basieren auf den von Reuters zitierten Angaben mit der Sache vertrauter Personen, annualisierter Umsatz und die Prognose für 2028 sind von Medien zitierte Zahlen, das Kurs-Umsatz-Verhältnis ist eine grobe Schätzung der Redaktion.