Bei einer geschlossenen Veranstaltung in New York war Anthropics wichtigste Botschaft nicht ein neues Modell. Entscheidender war die Produktbehauptung: Claude kann nun zwischen Excel, PowerPoint, Word und Outlook wechseln, ohne den Kontext zu verlieren.
Praktisch heißt das: Wer in Excel ein Bewertungsmodell baut und anschließend in PowerPoint ein Investmentbanking-Pitchbook erstellt, arbeitet weiter mit demselben Agenten. Er erinnert sich an den Diskontsatz, die Vergleichsunternehmen und die geänderten Annahmen. Beim Wechsel zu Outlook kann Claude die Schlussfolgerungen aus dem Modell direkt in eine Kundenmail ziehen.
Das ist mehr als eine Wiederholung der Copilot-Erzählung. Microsofts eigener Copilot wirkt beim durchgängigen Kontext über mehrere Anwendungen hinweg noch nicht so weit. Anthropic nutzt Microsofts Werkzeuge auf Microsofts eigenem Terrain und präsentiert eine Agentenerfahrung, die glatter wirkt als das native Microsoft-Produkt.
Zehn Finanzagenten laufen bereits bei JPMorgan
Parallel zur Office-Integration stellte Anthropic zehn vorkonfigurierte Finanzagenten vor. Sie decken Pitchbooks und Ergebnisanalysen im Investmentbanking, Credit Memos, Underwriting und KYC, Monatsabschlüsse, Abschlussprüfungen und die Bearbeitung von Versicherungsfällen ab.
JPMorgan, Goldman Sachs, Citi, AIG und Visa setzen die Werkzeuge bereits produktiv ein. Jamie Dimon sagte auf der Veranstaltung, er habe mit Claude Code ein Finanz-Dashboard gebaut; nach 20 Minuten sei das Ergebnis ziemlich nah an dem gewesen, was er wollte.
AIG-Chef Peter Zafino nannte eine konkretere Kennzahl. Bei Versicherungsansprüchen habe Claude im Vergleich zu menschlichen Fachleuten eine Genauigkeit von 88% erreicht. Das sei kein Demo-Wert, sondern ein interner Benchmark.
Claude Opus 4.7 im Finanz-Benchmark
Das Modell dahinter ist Claude Opus 4.7, das im vergangenen Monat veröffentlicht wurde. Im Finance Agent benchmark von Vals AI erzielte es 64,4% und damit den derzeit höchsten gemeldeten Wert. Auch bei GDPval-AA, einem Test für wirtschaftlich wertvolle Wissensarbeit, lag Claude vorn.
Goldman-Sachs-CIO Marco Argenti brachte die Verschiebung auf den Punkt: Zum ersten Mal kauften Kunden nicht Infrastruktur, sondern Intelligenz selbst.
Das klingt nach PR, beschreibt aber eine reale Veränderung im Einkauf der Wall Street. Früher bedeuteten Bloomberg-Terminals, S&P-Daten oder Refinitiv-Abos im Kern den Kauf von Informationsquellen. Jetzt zahlen Institute Anthropic für einen Agenten, der Arbeit erledigt. Die Zwischenschicht, in der Analysten Excel-Modelle, Präsentationen und Memos erstellen, wird komprimiert.
Annualisiertes Wachstum von 80x
Anthropic-Finanzchef Krishna Rao sagte, das annualisierte Quartalswachstum habe 80x erreicht, weit mehr als das zu Jahresbeginn gesetzte Ziel von 10x.
Das erklärt die geplante 1,5-Milliarden-Dollar-Gesellschaft mit Blackstone, Hellman & Friedman, Goldman Sachs, Apollo, General Atlantic, Leonard Green, GIC und Sequoia. Das neue “AI native”-Dienstleistungsunternehmen soll mittelgroße Institutionen bedienen, die sich früher Projekte im Stil von Accenture oder Deloitte kaum leisten konnten.
Rao sagte, die Unternehmensnachfrage nach Claude übersteige jedes einzelne Bereitstellungsmodell deutlich. Anders gesagt: Anthropics eigene Vertriebs-, Customer-Success- und Lösungsteams reichen nicht aus. Private Equity und externe Engineers sollen die Lücke schließen.
Moody’s wird in Claude integriert
Die Liste der Datenpartner wächst um Verisk, Third Bridge, Fiscal AI, Dun & Bradstreet, Experian, GLG, Guidepoint und IBISWorld.
Am wichtigsten ist Moody’s. Die Plattform wird als native App in Claude eingebettet. Kreditratings und Risikodaten zu 600 Millionen Unternehmen lassen sich direkt in Claude abrufen, ohne das Werkzeug zu wechseln.
Frühere Partner wie LSEG, S&P Capital IQ, Morningstar und PitchBook bleiben ebenfalls angebunden. Anthropic hat damit viele der Datenquellen verbunden, die Wall-Street-Analysten täglich nutzen.
Warum das zählt
Anthropics Chefökonom Peter McCrory sagte, KI erledige in etwa der Hälfte der US-Jobs bereits mindestens 25% der Aufgaben, nach rund einem Drittel vor einem Jahr. Er erwartet, dass KI die jährliche Arbeitsproduktivität in den USA um 1,8 Prozentpunkte erhöhen könnte, nahe an der Beschleunigung während der Internetwelle Ende der 1990er.
Falls diese Prognose eintritt, dürfte die Finanzdienstleistungsbranche früh verändert werden. Ihre zentralen Produktionsfaktoren sind Daten, Vorlagen und Text.
Auch der Zeitpunkt ist auffällig: Anthropic veranstaltete das Event eine Woche vor Microsoft Build. Nachdem OpenAI im vergangenen Monat seine exklusive Vereinbarung mit Microsoft aufgebrochen hat, ist das Signal klar. Die großen KI-Labore wollen tiefer in das Office-Ökosystem, und Microsoft 365 Copilot wird zu einem Dreikampf.
Quellen: CocoLoop, Fortune, Anthropic Blog, aibusiness.com