Googles geheimer Pentagon-Deal für Gemini löst internen Protest aus

Am Montag um 16 Uhr setzte Google die Unterschrift unter den Vertrag.

Das Pentagon darf Gemini nun für geheime Aufgaben nutzen. Es geht nicht mehr um den lockeren Einsatz auf öffentlichen Daten, sondern um classified workloads in abgeschotteten militärischen Netzwerken. Die Vertragsformulierung ist auffallend klar: "any lawful government purpose", also jeder rechtmäßige Regierungszweck. Google muss außerdem auf Wunsch der Regierung bei der Anpassung von KI-Sicherheitseinstellungen und Filtern helfen und hat ausdrücklich kein Recht, rechtmäßige Regierungsentscheidungen zu kontrollieren oder zu blockieren.

Dass der Zeitpunkt der Unterschrift bis auf 16 Uhr genau genannt wird, sagt bereits etwas über die Natur des Vorgangs aus. Das war keine gewöhnliche Vertragsverlängerung.

600 Unterschriften, mehr als 20 VPs

Am Tag vor der Unterzeichnung brach der Konflikt im Unternehmen offen aus.

Mehr als 600 Beschäftigte unterzeichneten einen Protestbrief. Darunter waren mehr als 20 Vice Presidents und Direktoren von DeepMind. Dass Führungskräfte dieser Ebene kollektiv eine Entscheidung des eigenen CEO infrage stellen, ist in der Geschichte von Google selten.

Der Brief formulierte den Einwand scharf:

"The only way to guarantee that Google does not become associated with such harms is to reject any classified workloads."

Die Sorgen der Beschäftigten lassen sich auf vier Punkte bringen. Wenn KI in militärischen, luftgetrennten Netzwerken läuft, ist externe Kontrolle praktisch unmöglich. Breite Formulierungen wie "all lawful uses" können die vom Anbieter gesetzten Schutzmechanismen überrollen. Bei geheimen Missionen haben Mitarbeitende keinerlei Aufsichtsrechte. Und Google hatte zuvor still den Passus aus seinen KI-Prinzipien gestrichen, keine Waffen zu entwickeln.

Genau dieser letzte Punkt ist entscheidend.

Vor acht Jahren stand Google schon einmal hier

2018 löste Project Maven einen der prägenden Arbeitsproteste im Silicon Valley aus. Tausende Google-Beschäftigte wandten sich dagegen, dass das Unternehmen für das Verteidigungsministerium KI zur Zielerkennung von Drohnen entwickelte. Am Ende gab Sundar Pichai dem Druck nach und ließ den Vertrag auslaufen.

Acht Jahre später sieht das Ergebnis anders aus.

Google hat seine KI-Prinzipien geändert, die Waffen-Klausel gelöscht, Cloud-Verträge des Verteidigungsministeriums im Milliardenumfang gewonnen und Gemini bereits bei militärischen Nutzern etabliert. Die Ausweitung auf geheime Aufgaben öffnet nur noch die letzte Tür.

Ein Organisator des Mitarbeiterbriefs sagte selbst: "the issue remains unresolved". Das Problem wurde nicht gelöst. Es wurde nur durch die Zeit abgestumpft.

Anthropic ging, Google rückte nach

Der Branchenkontext macht den Schritt noch heikler.

Auch Anthropic war zuvor ins Blickfeld des Pentagon geraten. Das Unternehmen weigerte sich jedoch, Sicherheitseinstellungen zu lockern und Filter auf Regierungswunsch abzusenken. Die Folge war ein Eintrag auf einer militärischen Lieferketten-Risikoliste, was praktisch einem indirekten Ausschluss gleichkam. CocoLoop hatte darüber bereits berichtet.

Mit Anthropics Rückzug blieb ein Platz frei.

Microsoft und OpenAI betreiben bereits geheime Verträge, nun hat auch Google dieses Feld besetzt. Von den drei führenden US-Laboren für Frontier-KI ist Anthropic das einzige, das seine Sicherheitsregeln nicht für das Militär anpassen will. Das ist kein Zufall, sondern eine Sortierung des Marktes: Wer kooperiert, bekommt große Aufträge; wer ablehnt, wird ausgegrenzt.

Die mehr als 20 DeepMind-Direktoren unter den Unterzeichnern dürften genau das gesehen haben. Hier wurde nicht nur ein Vertrag unterschrieben. Google hat damit auch die letzte erkennbare Distanz zu der Linie aufgegeben, KI nicht militärisch einzusetzen.

Lässt sich das noch ändern?

Ehrlich gesagt dürfte sich das Drehbuch von 2018 diesmal nicht wiederholen.

Pichai steht heute nicht nur vor einem PR-Problem. Er steht unter geopolitischem Druck. Die US-Regierung will Rechenleistung und Modelle gemeinsam in militärische Fähigkeiten einbauen. Wer nicht mitzieht, riskiert den Ausschluss. Anthropic hat bereits gezeigt, wie das aussehen kann.

Der Brief mit 600 Unterschriften stand einen Tag lang in der Bloomberg-Schlagzeile. Morgen wird ihn die nächste Nachricht verdrängen. Die Google-Aktie fiel nicht, das Verteidigungsministerium bekam, was es wollte, der CEO bekam den Vertrag, und die Beschäftigten gehen weiter zur Arbeit.

Wofür Gemini in den abgeschotteten Geheimanlagen des Pentagon tatsächlich genutzt wird, ist eine andere Frage. Nach den Vertragsbedingungen hat außerhalb niemand ein Recht, das zu erfahren.

Quellen: CocoLoop, Google's updated Pentagon deal uses Gemini for 'any lawful government purpose' with classified data (9to5Google); Google Allows Pentagon to Use Its AI in Classified Military Work (Bloomberg); Hundreds Of Google Employees Revolt Over Pentagon AI Deal (Yahoo News); Google Pentagon AI Deal Expands Into Classified Work (WinBuzzer)