Mehr als 60 Millionen Scans pro Jahr und fast 2.000 Kliniken im Einsatz: Mit dieser Bilanz ist Aidoc bei Goldman Sachs angetreten.
Am 29. April gab das in Israel gegründete und heute in New York ansässige Unternehmen für klinische KI eine Series-E-Finanzierung über 150 Millionen Dollar bekannt. Angeführt wurde die Runde von Growth Equity bei Goldman Sachs Alternatives; General Catalyst, SoftBank Investment Advisors und Nvidias NVentures beteiligten sich ebenfalls. Insgesamt hat Aidoc in zehn Jahren damit mehr als 500 Millionen Dollar eingesammelt.
Der Betrag ist aber nicht der interessanteste Teil dieser Geschichte.
Der eigentliche Wert liegt in der FDA-Zulassung
Aidocs CARE foundation model erhielt Anfang des Jahres eine FDA-Zulassung für das, was das Unternehmen als erstes umfassendes Foundation-Model-KI-System für die Triage medizinischer Bildgebung beschreibt.
Dieses „erste“ ist entscheidend. In den vergangenen zehn Jahren hat die FDA Hunderte KI-Werkzeuge für Bildgebung zugelassen, doch die meisten waren Einzellösungen: eines für Lungenknoten, eines für Hirnblutungen, ein weiteres für Frakturen. Wer als Klinik eine komplette Lösung wollte, musste viele Anbieter integrieren.
CARE bündelt diese Aufgaben in einem Modell. Wenn ein Scan eingeht, kann die KI mehr als ein Dutzend dringende Befunde gleichzeitig bewerten. Kliniken müssen damit weniger fragmentierte KI-Produkte einkaufen und können einen großen Teil der Notfall-Bildgebung mit einem einzigen Modell priorisieren.
Eine FDA-Zulassung mit dieser Breite verlangt deutlich mehr klinische Evidenz als ein Einzelwerkzeug. Aidoc hält damit eine Genehmigung, die in der medizinischen KI eher nach Betriebssystemebene aussieht.
Ein Datenrad aus 110 Millionen Scans
Die harten Zahlen hinter Aidocs Position:
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Weltweit eingesetzte Kliniken | Fast 2.000 |
| Jährliches Bildvolumen | Mehr als 60 Millionen Scans |
| Kumuliertes Bildvolumen | Mehr als 110 Millionen Scans |
| Gesamtfinanzierung | Mehr als 500 Millionen Dollar |
In der medizinischen KI gilt ein vertrautes Muster: Demos sind leicht, der Einsatz im Krankenhaus ist schwer. Aidoc hat sich über Jahre auf die Priorisierung von Notfallbildern konzentriert. Kommt ein CT herein, läuft zuerst die KI und schiebt Verdacht auf Hirnblutung, Lungenembolie, Aortendissektion und andere lebensbedrohliche Befunde nach oben in die Arbeitsliste der Radiologen.
Nach mehreren Jahren in diesem Workflow sind mehr als 110 Millionen Fälle zu Trainingsdaten geworden, die neue Anbieter nicht schnell nachbauen können. CAREs breite FDA-Zulassung beruht weniger auf einer spektakulären Modellarchitektur als auf realen klinischen Daten.
Wofür das neue Geld gedacht ist
CEO Elad Walach beschreibt die Richtung klar:
Bis 2030 sollte jede komplexe diagnostische Entscheidung durch KI unterstützt werden, die eine frühere Erkennung ermöglicht.
Der Plan hat drei Teile. Erstens soll CARE über die Notfallpriorisierung hinaus auf weitere klinische Indikationen erweitert werden: nicht nur unmittelbar gefährliche Fälle, sondern auch frühe Signale chronischer Erkrankungen.
Zweitens will Aidoc automatisch Entwürfe für Bildgebungsberichte erstellen lassen. Radiologen würden dann überarbeiten statt bei null zu beginnen. Gelingt das, kann es viel Routinezeit sparen.
Drittens soll aiOS weltweit ausgerollt werden. Aidoc will die Werkzeuge in einer Unternehmensplattform zusammenführen, damit Kliniken nicht einzelne KI-Anbieter verwalten, sondern eine einheitliche Betriebsebene für klinische KI.
Dieser letzte Punkt ist zentral. Für Klinik-IT geht es oft nicht zuerst darum, welche KI am genauesten ist, sondern wie Compliance, Datenschutz, Versionierung und Ausfallsicherung funktionieren, wenn Dutzende KI-Systeme parallel online sind. aiOS zielt genau auf diese Governance-Schicht.
Was Nvidias Einstieg signalisiert
Die Beteiligung von NVentures sieht anders aus als ein rein finanzielles Investment in Gesundheits-KI.
Nvidia verfügt über Clara, BioNeMo und GPU-Infrastruktur, die für medizinische Bildgebung optimiert ist. Ein Investment in Aidoc bindet auch einen großen Inferenzkunden für Foundation Models an den eigenen Stack. Wenn CARE in fast 2.000 Kliniken läuft und jährlich Dutzende Millionen Bildstudien verarbeitet, ist die dahinterliegende Rechenleistung selbst ein großes Geschäft.
Dem Gesundheits-KI-Markt fehlt es nicht an Kapital. Knapp ist die Kombination aus breiter FDA-Zulassung, realer klinischer Verbreitung und Anbindung an einen großen Compute-Partner. Aidoc hat nun alle drei Elemente, was die mehr als 500 Millionen Dollar Gesamtfinanzierung erklärt.
Die nächste Frage lautet, ob der umfassende Foundation-Model-Ansatz über Bildgebung hinaus auf Pathologie, EKG oder Netzhautuntersuchungen übertragbar ist. Genau dort wird medizinische KI als Nächstes spannend.
Quellen: Aidoc Raises $150 Million Series E Led by Goldman Sachs to Scale Clinical AI for Earlier, Safer Diagnoses (PR Newswire), Exclusive: Clinical AI provider Aidoc raises $150M Series E (Axios), Aidoc raises $150M in funding round (AuntMinnie), CocoLoop, Radiology vendor Aidoc raises $150M from Goldman Sachs and others (Radiology Business)