Security-Experten relativieren die Mythos-Panik

watchTowr-CEO Ben Harris formulierte es scharf: Mit öffentlichen Modellen und kluger Orchestrierung lassen sich die von Mythos gefundenen Schwachstellen bereits sehr, sehr nah reproduzieren. Die Aussage, die CNBC am 8. Mai aufgriff, fiel nach Wochen der Nervosität rund um Anthropics nicht öffentliches Claude Mythos Preview. Banken, Regulierer und große Technologiekonzerne behandelten das Modell wie einen neuen Cyber-Schock. Harris nannte die Reaktion hysteria.

Warum Mythos so viel Unruhe auslöste

Claude Mythos Preview, von Anthropic im April vorgestellt, ist ein geschlossenes Frontier-Modell für nur 40 externe Organisationen, darunter Apple, Amazon, JPMorgan und Palo Alto Networks. In Tests mit Firefox fand es 271 neue Schwachstellen, darunter eine, die 27 Jahre unentdeckt geblieben war. Nach Anthropic eigener Bewertung erzeugte Mythos im Firefox-Datensatz 181 Mal funktionsfähige Exploits und erlangte in 29 weiteren Fällen Registerkontrolle.

Als diese Zahlen kursierten, folgten Treffen bei der Europäischen Zentralbank, asiatischen Aufsichtsbehörden und im Weißen Haus. Jerome Powell und Scott Bessent riefen die Wall Street zusammen, ein internes FBI-Memo wurde bekannt, und Donald Trumps Wissenschaftsberater wurde in die Debatte hineingezogen. Danach meldeten sich erfahrene Sicherheitspraktiker zu Wort.

Ältere Modelle konnten das bereits

Harris' Kernargument lautet: Mythos automatisiert den gesamten Ablauf tatsächlich stärker, aber die Grundthese, dass KI Zero-Days in Produktivcode finden kann, war schon im vergangenen Jahr wahr. Anthropic schrieb selbst in einem Blogbeitrag vom Februar, Claude Opus 4.6, ein Modell für alle zahlenden Nutzer, habe mehr als 500 Hochrisiko-Schwachstellen in Open-Source-Software gefunden. Auch akademische Arbeiten und Red-Team-Berichte aus dem Jahr 2025 zeigten, dass GPT-4o und Claude 3.7 zusammen mit statischen Analyseframeworks Zero-Days automatisch finden können. Staatlich unterstützte APT-Gruppen und reife Ransomware-Banden nutzen solche Workflows laut Harris längst intern; sie veröffentlichen nur keine Pressemitteilungen dazu.

In Gesprächen mit Banken, Versicherern und Regulierern hörte Harris in den vergangenen Wochen fast immer dieselben Fragen: Müssen wir Anthropic sofort blockieren, und wurden unsere Repositories schon gescannt? Seine Antwort blieb gleich: Eure Gegner tun das seit drei Monaten, und ein Verbot von Anthropic hindert niemand anderen daran, euren Code zu scannen.

Was Mythos wirklich verändert

Ohne Hype bleiben bei Mythos zwei Unterschiede. Erstens: Geschwindigkeit und Zugangshürde. Mit Opus 4.6 einen Zero-Day zu finden erforderte bisher einen Sicherheitsingenieur mit Exploit-Know-how, Skripte und viele Iterationen; ein einzelner Fund konnte Tage oder Wochen dauern. Mythos kann einen Junior Engineer mit wenig Exploit-Erfahrung über Nacht von der Entdeckung zu einem funktionierenden Exploit bringen. Das senkt die Kosten erheblich.

Zweitens: Skalierung. Opus 4.6 war eher zielgerichtet, Mythos scannt breit und parallel über Hunderte Ziele. Zusammen verändert das den Takt von Angriff und Verteidigung. Wo Verteidiger früher Monate für Patches einkalkulieren konnten, bleiben nun möglicherweise Tage oder Stunden. Harris' Punkt ist jedoch, dass dies kein plötzlicher Bruch ist, sondern die Fortsetzung der Kurve von 2025.

Warum Anthropic die Lautstärke erhöht

Anthropic beschreibt den Schritt offiziell als verantwortungsvolle Warnung. Mythos geht nur an 40 Unternehmen und ist mit der Project-Glasswing-Allianz verbunden, an der AWS, Apple, Microsoft, Google, CrowdStrike und Palo Alto Networks beteiligt sind. Verteidiger sollen zuerst Zugriff bekommen.

Einige in der Sicherheitsbranche lesen darin aber auch Strategie. Eine Sichtweise: Anthropic will "KI-Cyberwaffen" als eigenes Leitthema setzen und Regulierern sowie der Wall Street erzählen, dass man an Anthropic nicht vorbeikommt. Eine andere: Anthropic will Wettbewerber, vor allem offene Modelle und Anbieter wie DeepSeek, deren Datenherkunft angezweifelt wurde, in denselben strengeren Regulierungsrahmen ziehen. Harris warf Anthropic nicht direkt Übertreibung vor. Seine Wortwahl war präziser: Die Reaktion sei hysteria, nicht zwingend die Veröffentlichung selbst.

Das eigentliche Signal

Das Wichtigste an der Episode ist nicht Mythos selbst. Entscheidend ist, dass die Branche KI-gestützte Zero-Day-Suche nun als Grundannahme behandelt. Das ist keine mögliche Zukunft mehr, sondern Gegenwart.

Damit ändert sich die operative Logik. Disclosure-Zyklen für Schwachstellen werden kürzer, CISA und Hersteller müssen ihre Reaktions-SLAs neu denken. Softwareanbieter können nicht mehr darauf setzen, dass alter Code unbeachtet bleibt. Der Markt für Red-Team-Tools verschiebt sich vom Verkauf menschlicher Arbeit hin zu Modellen plus Orchestrierung. Auch Cyberversicherungen müssen ihre Preismodelle überarbeiten, weil KI die Angriffskostenkurve abflacht.

Als Nächstes lohnt der Blick auf Anthropics Bericht zum dritten Quartal. Wenn KI-Cybersicherheit als neue Geschäftslinie auftaucht und die Umsatzkommunikation in diese Richtung rückt, wird die kommerzielle Absicht hinter dieser hysteria deutlich leichter zu erkennen sein.

Quellen: Anthropic's Mythos set off a cybersecurity 'hysteria.' Experts say the threat was already here (CNBC); CocoLoop; Our evaluation of Claude Mythos Preview's cyber capabilities (UK AISI)