Chrome legt heimlich 4GB Gemini Nano auf Nutzergeräten ab

Wer Windows 11 und Chrome 147 nutzt, kann diesen Ordner prüfen:

%LOCALAPPDATA%\Google\Chrome\User Data\OptGuideOnDeviceModel

Auf vielen Rechnern liegt dort eine 4GB große Datei namens weights.bin. Es handelt sich um Gemini Nano. Google hat dieses Leichtgewichtsmodell über etwa ein Jahr hinweg auf die Festplatten von Hunderten Millionen Chrome-Nutzern verteilt, ohne klaren Hinweis, ohne Opt-in und ohne Installationsdialog.

Aufgedeckt wurde das von Alexander Hanff, einem Informatiker und Juristen. Er verfolgte den Vorgang über Kernel-Dateisystemprotokolle von macOS zurück und reichte auf Grundlage europäischen Datenschutzrechts Beschwerde gegen Google ein.

Einige Details sind schwer zu ignorieren

Erstens ist die Datei 4GB groß. Nicht 400MB und nicht 40MB. Hochgerechnet auf die Desktop-Reichweite von Chrome hat Google innerhalb eines Jahres Daten im Exabyte-Maßstab auf Nutzergeräte geschrieben.

Zweitens reicht Löschen nicht unbedingt aus. Wird weights.bin manuell entfernt, kann Chrome die Datei beim nächsten Start erneut herunterladen. Über längere Zeit gab es keinen normalen Opt-out-Schalter für Privatnutzer; eine vollständige Sperre war vor allem für Unternehmensadministratoren vorgesehen.

Drittens zeigt Chrome 147 in der Adressleiste auffällig ein AI-Mode-Symbol. Das lokale 4GB-Modell treibt diesen Modus aber nicht an. AI-Mode-Anfragen werden weiterhin an Googles Server geschickt.

Hanffs Rechnung: 4GB multipliziert mit Hunderten Millionen bis zu einer Milliarde Geräten ergeben allein beim Transfer mehrere Exabyte. Die damit verbundenen Emissionen schätzt er auf etwa 6.000 bis 60.000 Tonnen Kohlendioxid.

Damit verursacht schon die Verteilung einer solchen Datei relevante Energiekosten, noch bevor Nutzer eine KI-Funktion aktiv verwenden.

Was Googles Antwort erkennen lässt

Google erklärt, Gemini Nano seit 2024 als leichtes On-Device-Modell in Chrome bereitzustellen. Es unterstütze wichtige Sicherheitsfunktionen wie Betrugserkennung und Entwickler-APIs, ohne Daten in die Cloud senden zu müssen. Bei knappem Speicher könne das Modell automatisch entfernt werden; seit Februar 2026 gebe es in den Chrome-Einstellungen Optionen zum Deaktivieren und Löschen.

Darin stecken drei Aussagen. Google räumt den stillen Download ein, behandelt ihn aber als standardmäßig aktivierte Funktion, nicht als Fehler. Die Begründung liegt bei Sicherheitsfunktionen und Entwickler-APIs, die viele Nutzer nie bewusst sehen. Und der Hinweis auf Februar 2026 bedeutet: Vorher hatten normale Nutzer keinen klaren Ausschalter.

Warum das Thema erst jetzt groß wurde

  • Mitte 2024: Google begann, Gemini Nano still über Chrome auszuliefern.
  • Mitte 2025: Das Modell wuchs schrittweise auf rund 4GB.
  • Februar 2026: Google ergänzte in Chrome eine Option zum Entfernen des Modells.
  • 6. Mai 2026: Hanff veröffentlichte seinen vollständigen Untersuchungsbericht.
  • 11. Mai 2026: EU-Datenschutzbehörden begannen informelle Prüfungen.

Fast alle Chrome-Nutzer waren damit über etwa ein Jahr Teil dieses Verteilungsexperiments, ohne ausdrücklich darüber informiert zu werden. Sichtbar wurde es erst, weil ein Forscher Dateisystemprotokolle prüfte.

Eine Warnung für On-Device-KI

Google und Apple bewerben On-Device-KI als sicherer und privater, weil Modelle lokal laufen und Daten das Gerät nicht verlassen müssen. Dieses Versprechen hängt an Vertrauen.

Chromes Vorgehen beschädigt genau dieses Vertrauen. Nutzer konnten glauben, keine KI installiert zu haben, während 4GB Modellgewichte auf der Festplatte lagen. Ein lokales Modell kann Datenschutz stärken, doch nicht, wenn seine Existenz verschwiegen wird. Der klare Kontrollschalter kam erst im Februar 2026.

Bei Apple ist bislang kein vergleichbarer Fall bekannt. Apple Intelligence wird mit sichtbarer Abfrage, Nutzerbestätigung und Speicherhinweis eingerichtet. Der Kontrast zeigt, wie unterschiedlich Zustimmung bei On-Device-KI gestaltet werden kann.

Was als Nächstes passieren dürfte

Kurzfristig dürfte die EU den Fall unter GDPR-Gesichtspunkten prüfen. Mehrere Gigabyte ohne ausdrückliche Zustimmung auf ein Nutzergerät zu schreiben, ist im europäischen Rechtsrahmen kein Randthema.

Chrome wird voraussichtlich auch an der Oberfläche nachbessern. Denkbar ist ein Erstinstallationshinweis für Gemini Nano mit klarer Angabe des Speicherbedarfs von etwa 4GB.

Die Folgen können die gesamte Browserbranche treffen. Wenn Chrome ein lokales Modell so installieren darf, müssen Edge, Safari, Firefox und alle Browser mit eingebauter KI dieselbe Frage beantworten. Die Standardpolitik für vorinstallierte On-Device-KI könnte innerhalb eines Jahres neu geschrieben werden.

Der Kern bleibt: Hanff stellt die Richtung On-Device-KI nicht grundsätzlich infrage. Das Problem ist die Einwilligung. Google hat über ein Jahr gezeigt, dass der einfachste Weg, KI in ein Produkt zu bringen, noch immer darin besteht, Nutzern die Änderung nicht klar zu erklären.

Quellen: Google Chrome Is Silently Downloading a 4GB Gemini Nano AI Model to User Devices Without Consent (gHacks); CocoLoop; [Update: Google Statement] Chrome has been secretly downloading a 4GB Gemini Nano model to your device (Android Headlines); Google Chrome silently installs a 4 GB AI model on your device without consent (That Privacy Guy)