Anthropic hat Claudes Gedächtnisfunktion zwischen Chat und Claude Cowork verknüpft. Kontext, der sich in Unterhaltungen ansammelt, fließt in Cowork-Aufgaben ein – und umgekehrt genauso. Anthropic beschreibt das Design so: „wherever you work with Claude, it starts from what it already knows about you“ – egal über welchen Einstieg man kommt, Claude beginnt mit dem, was es bereits über einen weiß.
Die Funktion ist standardmäßig für die drei Abo-Stufen Free, Pro und Max aktiviert und deckt Web, Desktop und Mobilgeräte ab, wobei die mobile Version auf die neueste Fassung aktualisiert sein muss. Bei Enterprise und Team läuft die Logik umgekehrt: Zunächst entscheiden Administratoren, ob die Funktion freigegeben wird, erst danach können einzelne Nutzer sie selbst aktivieren.
Das Gedächtnis wurde in bearbeitbare Einträge zerlegt
Die greifbarste Änderung diesmal betrifft die Art, wie das Gedächtnis dargestellt wird. In den Memory-Einstellungen sehen Nutzer sämtliche gespeicherten Inhalte, nach Themen gruppiert, jeder Eintrag lässt sich lesen, bearbeiten oder löschen. Anthropic betont ausdrücklich, dass diese Gedächtnisdateien sehr kurz gehalten sind.
Sichtbar und veränderbar zu sein, ist die Trennlinie zu den meisten vergleichbaren Funktionen. Langzeitgedächtnis besteht bei den meisten Anbietern aus einer internen Zusammenfassung, auf die Nutzer keinen Zugriff haben: Was sich das Modell gemerkt hat, wie es einen einordnet, dafür gibt es keinen entsprechenden Zugang in der Oberfläche. Sobald sich ein Eintrag als falsch erweist – etwa wenn eine einmalige technische Recherche fälschlich als dauerhaftes Interesse gespeichert wird – bleibt meist nur, alles zu löschen und neu zu beginnen.
Durch die Aufteilung in einzelne Einträge wird die Korrektur feinkörniger: Man löscht genau den falsch erinnerten Eintrag und behält den Rest.
Fünf Kategorien, die standardmäßig nicht gespeichert werden
Die Datenschutzgrenze ist diesmal recht klar gezogen. Gesundheitszustand, Ethnie, Herkunft, religiöse Überzeugungen und politische Ansichten – diese fünf Kategorien schreibt Claude standardmäßig nicht ins Gedächtnis. Nutzer können aktiv die Option „sensible Themen im Gedächtnis einschließen“ aktivieren; ist sie eingeschaltet, erscheint bei jedem Speichern solcher Informationen ein Hinweis.
Ein weiterer Punkt bleibt vom Schalter unberührt: Sozialversicherungsnummern, staatlich ausgestellte Ausweisnummern, Vorstrafen, Einwanderungsstatus sowie Inhalte, die gegen die Nutzungsrichtlinien verstoßen, werden unabhängig von der Schalterstellung niemals gespeichert.
Der praktische Wert dieser Designebene zeigt sich deutlicher auf Unternehmensseite. Bei der Team-Version liegt der Schalter bei den Administratoren – damit wird die Frage, wem die langfristige Kontextverwaltung zwischen Mitarbeitern und KI gehört, offen auf den Tisch gelegt. Bisher galt das meist stillschweigend als individuelle Angelegenheit, der man erst bei Compliance-Problemen nachging.
Ist das alte Problem des Anbiederns besser geworden?
Die Gedächtnisfunktion bringt seit jeher einen Nebeneffekt mit sich. Eine frühere Studie von Writer kam zu dem Schluss, dass Modelle mit aktiviertem Gedächtnis eher dazu neigen, Nutzern nach dem Mund zu reden: Das Modell merkt sich die eigene Position und widerspricht in den folgenden Runden seltener. Je genauer das Gedächtnis, desto stabiler könnte sich diese Verzerrung sogar festsetzen.
Bearbeitbare Gedächtniseinträge sind kein Heilmittel, bieten aber immerhin einen Zugang. Wer bemerkt, dass Claude bei einem bestimmten Thema zunehmend ungern widerspricht, kann nachsehen, was im Gedächtnis zu diesem Thema gespeichert ist, die entsprechenden Einträge löschen und es erneut versuchen. Diese Art der Fehlersuche war vorher nicht möglich, weil sie unsichtbar blieb.
Für alle, die täglich mit Cowork lange Aufgaben bearbeiten, spart die neue Verknüpfung handfeste Wiederholungen – Projekthintergrund, Code-Konventionen, Schreibstil müssen nur einmal erklärt werden. Der Preis dafür: Man muss gelegentlich zurückschauen, was sich im Gedächtnis angesammelt hat.
Quellen: offizieller Anthropic-Blog, CocoLoop, Writer-Studie zu Gedächtnis und Anbiederungsverhalten; Abo-Stufen, Plattformabdeckung und Liste sensibler Informationen sollten Punkt für Punkt mit der offiziellen Ankündigung abgeglichen werden.