Am 4. Mai änderte sich die Login-Seite von Googles Project Mariner leise zu einem kurzen Hinweis: Der Dienst wurde am 4. Mai 2026 beendet.
Es gab keine Abschiedsveranstaltung, keinen offiziellen Post und keinen Blogeintrag des Produktverantwortlichen. Ein Produkt, das Google 2025 auf der I/O prominent gezeigt hatte, verschwand 17 Monate später fast geräuschlos.
Was Mariner leisten sollte
Project Mariner war ein experimenteller Agent von Google DeepMind. Die Idee war klar: KI sollte den Browser sehen und das Web mit Maus und Tastatur wie ein Mensch bedienen. Dazu gehörten Formulare, Reisebuchungen, Jobsuchen und Websites wie Expedia.
Der technische Ansatz war visuelle Erkennung plus simulierte Klicks. Mariner nahm laufend Screenshots des Browsers auf, erkannte mit einem Vision-Modell Schaltflächen, Eingabefelder und Links und klickte oder tippte anschließend. Der Vorteil lag in der Reichweite: Websites mussten keine spezielle Integration bauen, selbst alte Seiten sollten steuerbar sein.
DeepMind verkaufte dazu eine einfache Zukunftsvision. Ein Nutzer sagt: „Bestell mir die Schuhe, die ich letzte Woche gesehen habe“, und der Agent öffnet den Browser, meldet sich an, findet den Warenkorb und bezahlt. Das klang deutlich bequemer als viele Plug-ins oder MCP-Server zu verbinden.
Warum Google zurückruderte
Am Ende ging es um zwei praktische Probleme: Kosten und Zuverlässigkeit.
Visuelle Verarbeitung ist teuer. Fortlaufende Screenshots und fortlaufende Bilderkennung bedeuten, dass während der gesamten Aufgabe ein großes Vision-Modell läuft. Ein Agent, der auf einen Bildschirm schaut, kann ein Mehrfaches der GPU-Ressourcen eines Coding-Agenten verbrauchen. Für Unternehmenskunden lassen sich die Kosten pro Aufgabe so schwer drücken.
Fehler sind schwer zu vermeiden. Das Modell interpretiert Pixel. Pop-ups, A/B-Tests, dynamisches Laden oder CSS-Änderungen können das Ziel verschieben. Eine falsch gewählte Dropdown-Option klingt klein, kann bei einer Flugbuchung aber zum falschen Ticket führen.
Dazu kam das Datenschutzproblem. Mariner musste den Browserinhalt ständig sehen, also möglicherweise auch Bankseiten, E-Mails und private Chats. Google lieferte darauf nie eine wirklich überzeugende Antwort; Unternehmen hatten noch weniger Grund, dieses Risiko zu akzeptieren.
Der interne Kurswechsel lief bereits
Wired berichtete bereits im März 2026, dass Mitglieder des Mariner-Teams leise auf andere Projekte verteilt wurden. In großen Unternehmen ist das oft ein typisches Muster: erst gehen die Leute, dann das Budget, dann das Produkt.
Google erklärte, Mariner-Technologie sei in andere Google-Produkte „voyaged“, darunter die Gemini API und neue Gemini-Agent-Funktionen. Übersetzt heißt das: Fähigkeiten auf Modellebene bleiben erhalten, aber das eigenständige Produkt ist beendet.
Gleichzeitig zeigt Google einen anderen Weg. Gemini Agent setzt stärker auf strukturierte Aufrufe von Workspace-Tools, während Chromes auto-browse Teile der Browserautomatisierung direkt in den Browser verlegt. Google gibt Browserautomatisierung nicht auf; es gibt nur den rein bildschirmbasierten Mariner-Ansatz als Produkt auf.
Was das über den Agentenmarkt sagt
Mariners Problem war nicht nur technisch. Der Markt hatte sich verschoben.
Seit dem vierten Quartal 2025 verlagert sich der Schwerpunkt von KI-Agenten von „Browser bedienen“ zu „Dateien und Code bearbeiten“. OpenClaw, Claude Code und Cursor erledigen konkretere Arbeit: Dateien lesen und schreiben, Code ändern, Befehle ausführen und Dienste über MCP anbinden. Sie sitzen im Arbeitsablauf von Entwicklern, statt als separater Browserbediener aufzutreten.
| Dimension | Bildschirmbasierte Agenten wie Mariner | Datei-/Code-Agenten |
|---|---|---|
| Rechenkosten | Fortlaufende visuelle Inferenz | Günstigeres Text-I/O |
| Fehlerrate | Pixeländerungen können Abläufe brechen | Dateioperationen sind leichter prüfbar |
| Nachvollziehbarkeit | Blackbox | Textlogs sind auditierbar |
| Skalierung | Jede Website hat eigene Ausnahmen | MCP bietet ein offenes Integrationsmuster |
Bis Mai 2026 wurde OpenClaw bereits mit mehr als zehn Millionen Unternehmenskunden weltweit beschrieben, Claude Code war in Entwicklerkreisen fast ein Standardwerkzeug, und Cursor stand bei Bewertungsverhandlungen über 50 Milliarden US-Dollar. Gemeinsam ist diesen Werkzeugen: Sie umgehen den Browser und arbeiten näher an der Produktionsumgebung.
Mariner wählte die andere Route: im Browser bleiben, Nutzerverhalten nachahmen und möglichst viele Websites abdecken. Theoretisch können beide Ansätze funktionieren. Der Markt bevorzugt jedoch Agenten, die Arbeit erledigen, statt wie ein Mensch auszusehen.
Die offene Frage
Mariners Aus wirft eine alte Frage wieder auf: Was sollen KI-Agenten mit Websites tun, die keine API haben?
Viele Verbraucheraufgaben haben keinen Datei- oder Codepfad, etwa alte Mitgliederportale, Behördenwebsites oder kleine SaaS-Anbieter ohne offene Schnittstelle. Anthropic Computer Use und xAI Grok Computer erkunden diese Richtung weiter, sind aber noch weit von verlässlicher Alltagstauglichkeit entfernt.
Mariner ist weg. Der Pfad der Browsersteuerung ist nicht tot, aber er ist auch nicht gesund.
In den nächsten ein bis zwei Jahren könnte die Obergrenze der Kategorie davon abhängen, ob jemand visuelle Steuerung mit Datei- und Tool-Steuerung zu einer echten Hybridarchitektur verbindet. Für Google wirkt der nächste Schritt klar: Gemini Agent strukturierter machen, zuerst im eigenen Ökosystem stabilisieren und dann nach außen erweitern. Das ist weniger spektakulär, aber eher ein Spiel, das Google gewinnen kann.
Quellen: Google pulls the plug on Project Mariner, the AI agent that browsed the web like a human (Digital Trends); Google quietly kills Project Mariner as the AI agent race shifts gears (Android Authority); CocoLoop; Google Quietly Shut Down Project Mariner on May 4 Without Public Announcement (Technobezz); Google shut down Project Mariner and folded its tech into Gemini (Gagadget)