EU verschiebt Hochrisiko-KI-Regeln um 16 Monate

In den frühen Morgenstunden des 7. Mai in Brüssel haben Delegationen des Europäischen Parlaments und des Rates die erste substanzielle Korrektur am AI Act vereinbart. Die EU beschreibt das Vorhaben als Vereinfachung im Gesetzespaket Omnibus VII. Praktisch ist es die erste echte Lockerung, seit Europas KI-Regelwerk in Kraft getreten ist.

Das Paket tut drei Dinge gleichzeitig: Es verschiebt zentrale Fristen, senkt einen Teil des Compliance-Aufwands und ergänzt neue Verbote.

Hochrisiko-KI bekommt mehr als ein Jahr Aufschub

Die größte Konzession liegt im Zeitplan. Eigenständige Hochrisiko-KI-Systeme sollen nicht mehr ab August 2026, sondern erst ab dem 2. Dezember 2027 erfasst werden. Das ist ein Aufschub von rund 16 Monaten. Hochrisiko-KI, die in Produkte eingebettet ist, wird noch weiter verschoben: von August 2026 auf den 2. August 2028, also um etwa 24 Monate.

Diese Daten sind wichtig, weil die EU die Anwendung der Regeln ursprünglich daran knüpfte, dass die nötigen Standards und Werkzeuge bereitstehen. Parlament und Rat ändern die Pflichten nicht grundlegend, halten aber die Uhr an. Auch die Frist für nationale KI-Regulierungssandboxes rückt von August 2026 auf den 2. August 2027.

Von außerhalb Europas wirkt der Schritt vielleicht moderat. Innerhalb der EU war der Streit deutlich härter. Das Parlament wollte die Ausnahmen von einer Branche auf zwölf Branchen ausweiten. Am Ende erhielt nur der Maschinenbau eine vollständige Ausnahme. Die schwedische Abgeordnete Arba Kokalari sagte, die Mitgliedstaaten hätten die Ambitionen des Parlaments nicht geteilt. Das heißt: Die nationalen Regierungen wollten nicht weiter nachgeben.

Die 500-Beschäftigten-Grenze verändert die Compliance-Rechnung

Eine leicht zu übersehende Änderung betrifft die technische Dokumentation. Die vereinfachten Dokumentationsanforderungen für KMU werden nun auf small mid-caps ausgeweitet, also auf Unternehmen mit weniger als 500 Beschäftigten.

Bisher lag die KMU-Grenze im AI Act bei 250 Beschäftigten. Wer darüber lag, musste den vollständigen Dokumentationsweg gehen. Mit der neuen Regel können viele mittelgroße europäische Softwarefirmen in eine leichtere Compliance-Spur wechseln. Politisch ist das ein Eingeständnis: Wenn Europa seine eigenen Herausforderer mit denselben Lasten belegt wie amerikanische Hyperscaler, schadet es zuerst dem eigenen Markt.

Sexuelle Deepfakes werden ab Dezember verboten

Das Parlament erreichte außerdem, dass KI-generierte nicht einvernehmliche sexuelle Bilder und Material über sexuellen Missbrauch von Kindern in die Verbotsliste aufgenommen werden. Diese Punkte standen nicht im ursprünglichen Vorschlag der Kommission.

Das Verbot soll bereits am 2. Dezember 2026 gelten. Am selben Tag wird die Schonfrist für Transparenzpflichten bei KI-generierten Inhalten von sechs auf drei Monate gekürzt. Plattformen, die generative KI anbieten, müssen also früher kenntlich machen, dass Inhalte von KI erzeugt wurden.

Kokalari verwies dabei auf die Kontroverse um xAIs Grok und X vor einigen Monaten und sagte, Europa wolle klarstellen, dass solche Handlungen verboten seien. Der irische Co-Berichterstatter Michael McNamara ergänzte, der Gesetzestext selbst definiere intimate body parts nicht direkt, die Präambel aber schon. Das ist ein typischer europäischer Kompromiss: Der Text lässt Raum, die Gerichte füllen ihn aus. In der Praxis kann Rechtsprechung wichtiger werden als der Wortlaut allein.

Absichtliche Apps und schwache Schutzmaßnahmen können beide teuer werden

Die Schärfe des neuen Verbots liegt in der Haftung. Entwickler, die solche Apps absichtlich bauen, können bestraft werden. Plattformen, die keine ausreichenden Schutzmaßnahmen einbauen, können ebenfalls Sanktionen erhalten.

Der zweite Punkt zielt klar auf Open-Weight-Modelle. Anbieter können sich schwerer darauf zurückziehen, sie hätten nur ein Modell veröffentlicht und die nachgelagerte Nutzung nicht in der Hand. Wird ein Modell ohne angemessene Schutzvorkehrungen missbraucht, kann auch die Plattform Verantwortung tragen. Unternehmen wie Hugging Face und Stability AI dürften ihre Release-Prozesse für den europäischen Markt vor Jahresende neu prüfen müssen.

Vereinfachung oder Rückzug?

Die Kanzlei Lewis Silkin beschreibt den Deal als prozedurale Verfeinerung, nicht als grundlegenden Umbau des Gesetzes. Das ist der Kern: Die EU gibt das risikobasierte Compliance-Modell des AI Act nicht auf. Sie räumt nur ein, dass der ursprüngliche Zeitplan zu aggressiv war.

Der Markt wird das unterschiedlich lesen. Die eine Seite sieht ein kleines Fenster für Europas technologische Wettbewerbsfähigkeit. Die andere sieht weiterhin die strengste KI-Regulierungszone der Welt, die lediglich das Tempo anpasst und den Endstandard nicht senkt.

Die formelle Annahme dürfte noch einige Wochen dauern. Nach dem legal-linguistic scrub und den Abstimmungen in beiden Institutionen soll das Verfahren vor dem 2. August 2026 abgeschlossen sein. In den USA will das Weiße Haus dagegen mit einem föderalen Rahmen einzelstaatliche KI-Regeln überlagern, während China seine Ordnung weiter systematisiert. Europa bremst, Amerika beschleunigt, China strukturiert. Die nächste Frage ist, wie lange diese Asynchronität anhält.

Quellen: Artificial Intelligence: Council and Parliament agree to simplify and streamline rules (offizielle Mitteilung des Council of the EU); The Council and Parliament agree to slim down and delay parts of the EU AI Act (Lewis Silkin); Parliament and Council reach agreement on the amendment to the AI Act, CocoLoop, ban on sexual deepfakes finalised (EUNews); EU AI Act gets its first real haircut - high-risk deadlines pushed to 2027 (PPC.land)