Google startet 15-Milliarden-Dollar-AI-Hub in Vizag

Am Morgen des 28. April setzten sich auf 601 Acres Ackerland außerhalb von Visakhapatnam, besser bekannt als Vizag, die Bagger in Bewegung.

Dort entsteht kein gewöhnlicher Industriepark. Google plant seine bislang größte Investition in Indien: 15 Milliarden Dollar über fünf Jahre, drei Rechenzentrumscampus und den ersten gigawattgroßen AI-Standort des Landes. Bei der Grundsteinlegung waren Indiens Eisenbahnminister, der Chief Minister von Andhra Pradesh N. Chandrababu Naidu, führende Vertreter der Adani Group und Bharti-Vizechef Rajan Mittal vor Ort. Die Veranstaltung wirkte eher wie der Start nationaler Infrastruktur als wie ein einzelnes privates Tech-Projekt.

Kein normales Rechenzentrum

Die Eckdaten sind ungewöhnlich groß. Die Investition beläuft sich auf 15 Milliarden Dollar im Zeitraum 2026 bis 2030. Das Gelände umfasst 601 Acres in den Dörfern Tarluvada, Adavivaram und Rambilli. Geplant sind drei Rechenzentrumscampus mit Strombedarf im Gigawattbereich. Erwartet werden rund 200.000 direkte und indirekte Arbeitsplätze. Die Eröffnung ist für September 2028 vorgesehen.

Gigawattmaßstab heißt: mehr als 1.000 Megawatt Strom müssen dauerhaft und stabil verfügbar sein. Klassische Rechenzentrumscampus liegen meist bei einigen Dutzend bis einigen Hundert Megawatt. Ein Gigawatt entspricht eher dem Stromverbrauch einer mittelgroßen Stadt. Indien hatte bislang keine reine AI-Infrastruktur dieser Größenordnung.

Warum Google Adani und Airtel einbindet

Entscheidend ist nicht nur die Summe, sondern die Architektur der Partnerschaft. Google baut nicht alles allein. AdaniConneX, Teil der Adani Group, verantwortet die eigentlichen Rechenzentrumscampus und die Versorgung mit erneuerbarer Energie. Nxtra by Airtel, eine Tochter von Bharti Airtel, kümmert sich um schnelle Glasfaser, Zugang zu Unterseekabeln und operative Unterstützung. Google Cloud bringt Workloads wie Gemini, Google Search und AI-Inferenz ein.

Adani ist dabei zentral, weil Strom in Indien seit Langem ein Problem für Rechenzentrumsbetreiber ist. Netzstabilität, Ausfallhäufigkeit und Industriestrompreise sind schwierige Faktoren. Adani verfügt über erneuerbare Energieanlagen, darunter Solar- und Windkraft, sowie Erfahrung mit Häfen und Industrieparks. Die Stromseite an Adani zu geben, reduziert das Kernrisiko des Projekts schon am Anfang.

Airtel übernimmt die Konnektivität. Vizag liegt an Indiens Ostküste und kann direkt an Unterseekabelsysteme Richtung Singapur und Europa angeschlossen werden. AI-Inferenz reagiert empfindlich auf Latenz. Der Standort verbindet indische AI-Rechenzentren deshalb enger mit dem globalen Internet-Backbone.

Warum Vizag, und warum jetzt

Die Standortwahl ist kein Zufall. Andhra Pradesh, der Bundesstaat von Vizag, gehört zu den aggressivsten regionalen Regierungen Indiens beim Werben um Tech-Investitionen. Naidu reist regelmäßig ins Silicon Valley. Welche konkreten Konditionen der Bundesstaat geboten hat, ist nicht offengelegt. Drei Grundstücke, ein einheitlicher Plan und die Koordination von Dorfverlagerungen zeigen aber, wie stark die öffentliche Hand beteiligt ist.

Auch der Zeitpunkt passt. In den vergangenen zwölf Monaten ist die Nachfrage nach AI-Inferenz in Indien schnell gewachsen. Gemini ist im Land breit verfügbar, AI Overviews in Google Search ist auf dem indischen Markt angekommen, und die meisten lokalen AI-Startups nutzen Google Cloud. Bislang fehlte Google jedoch lokale AI-Inferenzkapazität in Indien. Viele Anfragen mussten über Singapur oder Japan laufen und bekamen dadurch mindestens rund 30 Millisekunden zusätzliche Latenz.

"Defining Milestone For India's AI Journey"

-- Thomas Kurian, CEO von Google Cloud

Kurians Satz ist mehr als PR-Sprache. Indien ist für Google Cloud der größte Markt im asiatisch-pazifischen Raum außerhalb Japans. Trotzdem lief ein relevanter Teil indischer Workloads bisher in Regionen wie Singapur oder Taiwan. Gigawattgroße Rechenleistung in Indien löst Latenz-, Compliance- und Datensouveränitätsfragen gleichzeitig.

Ein unterschätztes Signal

Auch politisch ist das Projekt bedeutsam. Die Trump-Regierung hat in diesem Jahr gegenüber Indiens Tech-Sektor bei Visa, Zöllen und Exportkontrollen keine einfache Linie gefahren. Dennoch wurde das 15-Milliarden-Dollar-Projekt nicht gestoppt, sondern im Rahmen von Indiens Viksit-Bharat-Agenda zur Entwicklung des Landes auf die Schiene gesetzt.

Die Logik dahinter ist klar: AI-Infrastruktur kann Big Tech nicht mehr allein tragen. Sie braucht Länder mit echtem Strom, verfügbarem Land und großem Markt. In den USA ist Strom knapp, Europa ist stark reguliert, der Nahe Osten hat Wasser- und Energiegrenzen. Indien wurde in AI-Infrastrukturdebatten lange unterschätzt, tritt nun aber mit Bevölkerung, Stromambitionen und geopolitischer Lage stärker hervor.

Als Nächstes zählt, ob Andhra Pradesh seine Stromzusagen bis 2028 einhält, ob Adanis Ausbau erneuerbarer Energien mithält und ob indische AI-Unternehmen ihre Workloads tatsächlich in indische Regionen zurückverlagern. Wenn das gelingt, könnte Indiens AI-Infrastruktur die Compute-Verteilung im asiatisch-pazifischen Raum verändern und Nachfrage aus Singapur, Korea oder Japan nach Süden ziehen. Über die 601 Acres in Vizag wird im September 2028 ernsthaft geurteilt.

Quellen: Google Breaks Ground on India AI Hub, Launching a National Industrial Ecosystem (Google Cloud Press Corner); Google begins work on $15 bn AI hub in Vizag (Business Standard); Visakhapatnam set to become global data gateway (The Week); CocoLoop; Defining Milestone For India's AI Journey: Says Google Cloud CEO Thomas Kurian (Free Press Journal)