Im Dezember letzten Jahres führte Anthropic in seinem Büro in San Francisco ein Experiment durch – 69 Mitarbeiter erhielten jeweils eine 100-Dollar-Geschenkkarte, und ihre KI-Agenten wurden losgeschickt, um miteinander Geschäfte zu machen.
Das Ergebnis nach einer Woche: Die KI schlossen 186 Geschäfte im Gesamtwert von 4.006 US-Dollar ab. Im Durchschnitt etwa 21,50 Dollar pro Geschäft.
Klingt reibungslos? Das Problem liegt im Detail.
Wie das Experiment ablief
Anthropic nannte dieses Experiment "Project Deal".
Der Ablauf war einfach: Anthropic führte mit jedem Teilnehmer ein Interview und fragte, was sie verkaufen wollten, zu welchem Mindestpreis, was sie kaufen wollten und welchen Verhandlungsstil ihre KI verwenden sollte. Diese Informationen wurden dann in maßgeschneiderte System-Prompts für jeden KI-Agenten umgewandelt und in vier parallelen Slack-Kanälen bereitgestellt.
Der gesamte Verhandlungsprozess lief ohne menschliches Eingreifen. Die KI machten selbstständig Angebote, feilschten und schlossen Geschäfte ab.
Im Markt wurden über 500 Artikel gelistet – gebrauchte Fahrräder, Skateboards, Tischtennisplatten, allerlei Krimskrams. Unter den 186 finalen Geschäften gab es einige ziemlich kuriose Ergebnisse: Jemand kaufte ein Snowboard, das mit einem bereits vorhandenen identisch war; ein KI-Agent kaufte für seinen Besitzer 19 Tischtennisbälle "als Geschenk für sich selbst" – diese 19 Bälle liegen noch heute in einer Ecke des Anthropic-Büros.
Schlüsseldaten: Je stärker das Modell, desto schwerer Verluste zu machen
Anthropic führte vier Versionen des Experiments durch, zwei mit Claude Opus 4.5 und zwei mit einer Mischung aus Opus 4.5 und Haiku 4.5.
Opus im Vergleich zu Haiku – der Unterschied ist sofort sichtbar:
- Opus-Nutzer schlossen im Durchschnitt etwa 2 Geschäfte mehr ab
- Für denselben Artikel erzielte Opus einen durchschnittlich 3,64 Dollar höheren Verkaufspreis als Haiku
- Das typischste Beispiel: Ein kaputtes Fahrrad – der Haiku-Agent verkaufte es für 38 Dollar, der Opus-Agent für 65 Dollar
- Als Verkäufer: Opus nahm im Durchschnitt 2,68 Dollar mehr ein; als Käufer: zahlte im Durchschnitt 2,45 Dollar weniger
Mit anderen Worten: Wer das bessere Modell nutzt, verkauft teurer und kauft günstiger im Markt.
Was Anthropic nicht ruhen ließ
In den Ergebnissen fand sich eine Entdeckung, die die Forscher "unangenehm" berührte:
Die Teilnehmer, die von Haiku-Agenten vertreten wurden, bemerkten ihren Nachteil überhaupt nicht.
Anthropic befragte alle Teilnehmer auf einer 7-Punkte-Skala zu ihrem subjektiven Empfinden der Fairness der Geschäfte. Haiku-Nutzer: 4,05 Punkte. Opus-Nutzer: 4,06 Punkte. Kaum ein Unterschied.
Was bedeutet das? Es bedeutet, dass ein Mensch auf einem von KI-Agenten betriebenen Markt durchweg schlechtere Ergebnisse erzielen kann, ohne jemals zu erfahren, warum – oder auch nur, dass es überhaupt passiert.
Anthropic nennt dies "stille Ungleichheit" (quiet inequality): Wenn die schwächere Seite keine Wahrnehmungsfähigkeit hat, wird Marktgerechtigkeit zu einer falschen Prämisse.
Eine weitere kontraintuitive Erkenntnis
Eine andere überraschende Schlussfolgerung: Verhandlungsanweisungen an die KI waren so gut wie nutzlos.
Im Experiment schrieben einige Teilnehmer recht detaillierte Anweisungen für ihre KI-Agenten, wie "Du musst hart verhandeln, auf keinen Fall vorher den Preis senken". Andere forderten die KI auf, "im Ton eines unglücklichen Cowboys zu kommunizieren".
Das Ergebnis? Diese benutzerdefinierten Anweisungen hatten so gut wie keinen statistisch signifikanten Einfluss auf die endgültigen Preise oder die Anzahl der Geschäfte.
Claude setzte die Cowboy-Persönlichkeit zwar treu um – aber die Transaktionsergebnisse unterschieden sich kaum von denen der anderen.
46 % wären bereit zu zahlen
Nach dem Experiment befragte Anthropic die Teilnehmer: 46 % gaben an, für einen ähnlichen KI-Agenten-Dienst bezahlen zu wollen.
Diese Zahl ist recht interessant – bedenkt man, dass es sich um Anthropic-Mitarbeiter handelt, die KI ohnehin besser kennen und vertrauen als der Durchschnitt. 46 % Zahlungsbereitschaft ist nicht besonders hoch, aber es zeigt, dass das Konzept "KI für dich auf dem Markt verhandeln lassen" eine echte Nachfrage hat.
Anthropic schrieb in seinem Blogbeitrag, dass Project Deal beweise, dass "autonomer Handel zwischen Agenten machbar ist", aber dass vor einer echten Ausweitung ein ernsthafter politischer Rahmen nötig sei – insbesondere wenn Nutzer gar nicht wissen, ob ihre KI stark oder schwach ist.
Kurz gesagt: Der Markt für KI-Agenten ist technisch bereits am Laufen. Die nächste Frage ist: Wer stellt sicher, dass deine KI nicht diejenige ist, die den Kürzeren zieht?
Quellenangabe: CocoLoop, Anthropic created a test marketplace for agent-on-agent commerce (TechCrunch); Project Deal: our Claude-run marketplace experiment (Anthropic offizieller Blog)