Anthropic zeigte auf der Code with Claude-Veranstaltung am 6. Mai eine ganze Reihe neuer Unternehmensfunktionen: Rechenleistung für SpaceX, Agentenvorlagen für die Wall Street und Integrationen mit Microsoft 365. Das spannendere Signal war jedoch ein leiser Auftritt in Claude Cowork: Orbit.
Die Idee ist einfach. Claude soll nicht mehr nur auf Fragen warten, sondern morgens bereits eine Übersicht liefern, was an diesem Tag gelesen, erledigt und beantwortet werden sollte.
Was Orbit leisten soll
Orbit ist ein proaktiver Assistent in Claude Cowork. Anders als ein klassischer Chatbot, der erst nach dem Öffnen eines Fensters reagiert, ist Orbit für den Hintergrundbetrieb gedacht.
- Die Funktion verbindet sich mit Gmail, Slack, GitHub, Calendar, Drive und Figma.
- Sie berücksichtigt die Zeitzone des Nutzers.
- Sie erstellt morgens oder zu einem festgelegten Zeitpunkt ein personalisiertes Briefing.
- Darin können zu beantwortende E-Mails, verpasste Slack-Diskussionen, nächtliche GitHub-Änderungen, Figma-Updates und Termine des Tages auftauchen.
"Users will get personalized insights from Gmail, Slack, GitHub, Calendar, Drive, Figma, and other apps, which Claude will generate proactively."
Die GitHub- und Figma-Anbindungen sind der entscheidende Hinweis. Das ist nicht nur ein administratives Briefing wie OpenAI Pulse, das vor allem auf Posteingang und Kalender blickt. Orbit zielt sichtbar auf Menschen, die Produkte bauen: Entwickler, Designer und Produktmanager.
Warum das mehr ist als ein weiteres Briefing
In den vergangenen sechs Monaten bewegten sich die großen KI-Anbieter in eine ähnliche Richtung.
| Unternehmen | Produkt | Zeitpunkt | Zielgruppe |
|---|---|---|---|
| OpenAI | ChatGPT Pulse | September 2025 | Führungskräfte und administrative Nutzer |
| Remy / Gemini Agent | Rund um I/O 2026 | Allgemeine Nutzer und digitaler 24/7-Begleiter | |
| Anthropic | Orbit | Mai 2026 | Entwickler, Designer und PMs |
Dass alle drei proaktive Assistenten fast gleichzeitig als Ausgangspunkt für die nächste Generation von KI-Produkten behandeln, wirkt kaum zufällig.
Die KI-Erzählung der letzten zwei Jahre lautete vor allem: bessere Antworten. Benchmarks trieben den Wettbewerb. Doch wenn die Unterschiede zwischen Modellen kleiner werden, spüren viele Nutzer kaum, ob eine Trefferquote von 92 auf 94 Prozent steigt.
Ganz anders wirkt es, wenn Claude beim Öffnen des Rechners schon zusammengestellt hat, was über Nacht liegen geblieben ist. Das nächste Gewinnerprodukt ist womöglich nicht das, das nach einer Frage am besten antwortet, sondern das, das schon vorher hingesehen hat.
Details, die auffallen
Erstens ist Orbit opt-in. Ohne Aktivierung läuft die Funktion nicht im Hintergrund. Das entspricht der Logik von ChatGPT Pulse und Gemini Remy. Proaktive Assistenten können aus Datenschutzgründen kaum standardmäßig eingeschaltet werden.
Zweitens heißt der Feature-Flag tibro enabled. Rückwärts gelesen ergibt das orbit. TestingCatalog entdeckte den Hinweis am 4. Mai, was auf interne Tests mindestens rund zwei Wochen zuvor hindeutet.
Drittens deutet die aktuelle Oberfläche auf mehr als einen einzelnen Assistenten hin. Im leeren Einstellungsbereich steht: "Your deployed Orbit apps. Pin favorites for quick access." Orbit könnte also auch Apps tragen, möglicherweise als frühe Form eines Agentenmarktplatzes.
Viertens rechnen Branchenbeobachter damit, dass Max-Abonnenten zuerst Zugriff erhalten. Pro-Nutzer dürften warten müssen.
Was der Schritt bedeutet
Anthropic gewann im Unternehmensmarkt zuletzt deutlich an Tempo, mit Wall-Street-Agenten, einer Einführung bei 30.000 NEC-Mitarbeitern sowie Projekten mit Atlassian und Snyk. Für die meisten Firmenkunden bleibt Claude aber noch ein Werkzeug, das geöffnet, befragt und wieder geschlossen wird.
Orbit soll Claude von einem Werkzeug, das erst nach Aufforderung erscheint, zu einem ständigen Kollegen im Arbeitsablauf machen.
Der Schritt ist gut kontrolliert, birgt aber ein Risiko. Proaktive Assistenten verzeihen Modellfehler kaum. Wenn Claude eine Frage falsch beantwortet, beschwert sich der Nutzer vielleicht kurz. Wenn aber jeden Morgen ein Briefing mit falschen Fakten oder schlechter Priorisierung erscheint, wird die Funktion schnell abgeschaltet.
Ob Orbit Bestand hat, ist daher nicht nur eine Frage des Produktdesigns. Es ist auch die Frage, ob Claude selbst stabil genug für diese Rolle ist. In sechs Monaten dürfte die Antwort klarer sein.
Quellen: Anthropic is working on Orbit, its upcoming proactive assistant (TestingCatalog); Anthropic's new proactive AI assistant, Orbit, will debut at the Code with Claude conference (KuCoin / Phemex); CocoLoop; Live blog: Code w/ Claude 2026 (Simon Willison)