Shopify-CEO Tobi Lütke erklärte am 25. August öffentlich, er erwäge ein internes Verbot von Claude Code, sofern Anthropic nicht einlenkt und das Tool Dateien wie AGENTS.md und .agents/skills lesen lässt. Seine Begründung: Claude Code liest hartnäckig nur CLAUDE.md, wodurch Teammitglieder mit unterschiedlichen Tools eine „gespaltene" Codebasis erleben – eine Komplexitätssteuer, die es seiner Ansicht nach gar nicht geben müsste.
Gestritten wird um eine einzige Markdown-Datei
AGENTS.md ist eine im August 2025 von OpenAI eingeführte Konvention: Build-Befehle, Testverfahren und Sicherheitsregeln eines Projekts werden in einer Markdown-Datei im Repository-Root abgelegt, damit Coding-Agents die Codebasis daraus verstehen. Bis Ende 2025 nutzten laut öffentlichen Daten bereits über 60.000 Open-Source-Projekte diese Datei, und der Standard selbst ging später an die Agentic AI Foundation unter der Linux Foundation über. Codex, Cursor, Gemini CLI, GitHub Copilot, Jules und VS Code unterstützen ihn alle.
Claude Code verwendet dagegen seine eigene CLAUDE.md. Bei Einzelprojekten bedeutet das nur eine zusätzliche Datei; bei einer Organisation wie Shopify, in der tausende Mitarbeitende ein großes Repository teilen, verschärft sich das Problem: Liegt in einem Verzeichnis nur eine der beiden Dateien, erhalten Kolleg:innen mit einem anderen Tool einen unvollständigen Kontext.
Die Anfrage lag ein Jahr lang liegen
Das GitHub-Issue, das native AGENTS.md-Unterstützung für Claude Code fordert, existiert seit August 2025 und hat fast 5.000 Stimmen gesammelt – eine der meistbeachteten Kompatibilitätsanfragen in diesem Repository überhaupt. Mehrere ähnliche Issues wurden nach und nach geschlossen, eines davon mit dem Vermerk „derzeit nicht geplant". Entwickler:innen hinterließen darunter hunderte Kommentare, eine offizielle Stellungnahme blieb aber aus.
Die Community hatte längst einen Workaround gefunden: CLAUDE.md als symbolischen Link auf AGENTS.md anlegen oder einfach in CLAUDE.md den Hinweis „siehe AGENTS.md" hinterlassen. Das funktioniert, muss aber in jedem Repository erneut eingerichtet werden.
Anthropic liefert endlich eine Begründung
Am Tag von Lütkes Äußerung antwortete Anthropics Thariq im Thread: Das Team arbeite daran, Claude Code besser anpassbar zu machen, sodass sich künftig bequem AGENTS.md nutzen oder der System-Prompt direkt ändern lasse; mehr dazu folge, sobald es fertig sei. Erstmals nannte er auch den Grund für die bisherige Ablehnung: Man gehe nicht davon aus, dass verschiedene Modellfamilien austauschbar seien, da der System-Prompt die Leistung stark beeinflusse – intern pflegt Claude Code für jedes Modell einen eigenen System-Prompt, was einen erheblichen Wartungsaufwand bedeute.
Technisch ist dieses Argument nachvollziehbar. Dieselbe Anweisung liefert bei Modellen unterschiedlicher Anbieter tatsächlich spürbar unterschiedliche Ergebnisse, gezielt angepasste Prompts können die Leistung deutlich auseinanderziehen. Nur erklärt das, warum CLAUDE.md eigenständig bestehen sollte – nicht, warum man nicht zusätzlich auch AGENTS.md lesen könnte. Beides schließt sich nicht aus.
Kontextdateien werden zum neuen Schlachtfeld
Eine Auswertung von 2.926 GitHub-Repositories zeigt, dass Kontextdateien inzwischen der gängigste Weg sind, mit dem Entwickler:innen Coding-Agents Anweisungen geben. Belegt ein Anbieter dieses Format erst einmal mit seinem eigenen proprietären Standard, trägt die Nutzerseite die Migrationskosten – heute ist es eine zusätzliche Datei, morgen könnten Skills, Sub-Agents und Berechtigungskonfigurationen komplett in die Verzeichnisstruktur eines einzigen Anbieters eingeschlossen sein.
Gemessen am tatsächlichen Aufwand steht dieser Konflikt in keinem Verhältnis. Claude Code so einzurichten, dass es bei fehlender CLAUDE.md auf AGENTS.md zurückgreift, ist eine Dateisuchlogik von wenigen Dutzend Zeilen – etwas völlig anderes als die modellspezifische Pflege von System-Prompts. Wer wirklich befürchtet, dass generische Anweisungen die Leistung mindern, kann das mit einem einzigen zusätzlichen Hinweis abfedern. Genau diesen Kompromiss schlägt die Community seit einem Jahr wiederholt vor: standardmäßig CLAUDE.md lesen, bei Fehlen auf AGENTS.md zurückfallen, und wenn beide vorhanden sind, hat CLAUDE.md Vorrang.
Dass Lütkes öffentlicher Druck gewirkt hat, folgt einer einfachen Logik. Shopify ist ein Großkunde von Claude Code, und die öffentliche Ankündigung eines CEOs eines börsennotierten Unternehmens, das Tool sperren zu wollen, wiegt weit schwerer als 5.000 anonyme Stimmen. Für Anthropic beruht der aktuelle Vorsprung von Claude Code auf dem Produkterlebnis, nicht auf einer Format-Bindung; da Entwickler:innen ohnehin längst mehrere Tools parallel nutzen, ist es günstiger, Kompatibilität zu einer Option zu machen, als an einem Dateinamen festzuhalten.
Quellen: The New Stack, GitHub, CocoLoop, Hacker News; Verbreitung von AGENTS.md, Zahl der Issue-Stimmen und Anthropics Stellungnahme wurden anhand öffentlich zugänglicher Seiten geprüft.