Eine Reihe von Codex-Nutzern hat zuletzt bemerkt, dass ihr Kontingent ungewöhnlich schnell schwindet. Tibo, bei OpenAI zuständig für Codex, äußerte sich dazu: Nutzungslimits würden nie ohne Austausch mit der Community und intransparent geändert; bei der Untersuchung habe sich gezeigt, dass ein erheblicher Anteil der betroffenen Nutzer sub2api verwendet.
Er wurde deutlich: Abo-Kontingent in API-Traffic umzuwandeln und diesen weiterzuverkaufen oder mit mehreren Personen zu teilen, gelte als nicht unterstützte Nutzung und werde vom Anti-Betrugssystem markiert. Wer sein Abo ganz normal über Sign in With ChatGPT nutzt, sei nicht betroffen – der offizielle Client ebenso wenig wie Open-Source-Clients mit diesem Login wie Pi oder OpenCode.
Wie Abo-Sharing zum Warnsignal wurde
sub2api ist ein offenes Relay-Projekt, das Abos von Claude, OpenAI, Gemini und Grok hinter einem einzigen Gateway bündelt, das wiederum API-Keys an mehrere Nutzer ausgibt. Im Projekt-Readme steht es unverblümt: Es "unterstützt Sharing, um Kosten effizienter zu teilen". Aktuell zählt das Repository 38.000 Stars, 7.900 Forks, und der Hauptbranch hat über sechstausend Commits.
Diese Größenordnung erklärt, warum OpenAI bei der Fehlersuche zwangsläufig darauf gestoßen ist. Der Haftungsausschluss oben im Repository ist noch deutlicher: Die Nutzung könne gegen die Nutzungsbedingungen der Upstream-Anbieter verstoßen, die Entwickler hätten nie einen kommerziellen Betrieb in irgendeiner Form autorisiert, das Risiko trage der Nutzer selbst. Wer das geschrieben hat, wusste offenbar genau, worauf er sich einlässt.
Für ein Anti-Betrugssystem ist so ein Traffic-Muster nicht schwer zu erkennen. Ein nach Kopf abgerechnetes Abo-Konto zeigt im Normalfall eine Person, ein Gerät, einen Interaktionsrhythmus, Anfragen, die mit dem Tagesablauf schwanken. Wird daraus ein Gateway, tauchen unter demselben Konto plötzlich mehrere IPs gleichzeitig auf, die Anfragedichte wird flach, der Kontext ist über Sessions hinweg inkonsistent, die Nachtlast sinkt nicht. In Summe deckt sich das stark mit dem Bild automatisierter Massen-API-Aufrufe – und kaum noch mit jemandem, der am Editor sitzt und tippt.
Zwanzig Dollar für ein Zweihundert-Dollar-Konto
Die Rechnung hinter dem Sharing braucht keinen Taschenrechner: Ein 200-Dollar-Abo, auf zehn Personen aufgeteilt, verschafft jedem für zwanzig Dollar fast das volle Kontingent. Entwickler in China kennen dieses Spiel zur Genüge, ohne dass man es erklären müsste: Bezahlschranke, Wechselkurs, Zahlungsweg, ungenutztes Kontingent – jeder dieser vier Gründe reicht für sich allein.
Für den Anbieter läuft dieselbe Rechnung in die andere Richtung. Die Prämisse einer Kopf-Preisgestaltung ist, dass der Verbrauch einer Person eine natürliche Obergrenze hat – so viel Code schreibt an einem Tag niemand allein. Sharing hebelt diese Grenze aus: Der reale Verbrauch eines einzigen Abos kann sich der Summe von zehn Personen annähern, und die Grundannahme des Preismodells bricht zusammen. Deshalb setzen Gegenmaßnahmen der Anbieter fast immer zuerst bei der "Erkennung von Kontoverhalten" an, selten zuerst beim Preis: Preiserhöhungen bestrafen ehrliche Nutzer, Anti-Betrugsmaßnahmen treffen gezielt nur die Arbitrage.
Ähnliche Schritte gab es dieses Jahr nicht zum ersten Mal. Ein anderer Anbieter eines führenden Modells verlangt seit Juli eine Identitätsprüfung bei als auffällig markierten Konten – gleiche Logik: einen anonymen Kontingent-Pool wieder an eine nachverfolgbare, reale Person binden.
Das Schlupfloch, das offiziell bleibt
In Tibos Aussage steckt noch eine Einschränkung: Wer über Sign in With ChatGPT geht, bleibt unberührt. Damit zieht OpenAI eine klare, offiziell anerkannte Grenze – das Abo darf in Drittanbieter-Clients genutzt werden, solange der Login über das offizielle OAuth läuft und die Anfrage eine echte Nutzeridentität trägt, statt zu einem nackten, weitergereichten Key entkoppelt zu werden.
Für das Open-Source-Client-Ökosystem ist dieses Schlupfloch wichtig. Tools wie OpenCode sind an sich unproblematisch, das Problem liegt in der Key-Relay-Schicht. Diese Unterscheidung verhindert, dass ein ganzes, legitimes Drittanbieter-Ökosystem in Mithaftung gerät, und gibt Sharing-Nutzern zugleich einen Weg zurück.
Codex' Kontingent-Mechanik hat dieses Jahr schon einiges an Wirbel erlebt. Ende Juni räumte OpenAI einen Fehler ein, bei dem der Backend-Rechenaufwand die vorgesehenen Standards überschritt und dadurch das Kontingent mancher Nutzer ungewöhnlich schnell aufgezehrt wurde; anschließend wurde das Kontingent komplett zurückgesetzt. Weil Tibo mehrfach Resets verkündete, wird er in der Community scherzhaft "Cyber-Ziehvater" genannt. Die häufigen Resets und Limit-Anpassungen haben Nutzern ohnehin die verlässliche Erwartung an ihr Kontingent genommen – bei jeder Schwankung wird zuerst vermutet, der Anbieter habe heimlich gekürzt. Dass der Vorwurf diesmal auf Sharing zielt, lenkt diesen Verdacht ein Stück weit zurück in die richtige Richtung.
Wie es weitergehen dürfte
Offiziell heißt es bislang nur "wird markiert" – was danach passiert, Drosselung, Verifizierungspflicht oder Sperrung, bleibt offen. Nach bisherigen Rückmeldungen passieren sinkende Kontingente und erzwungene Telefonverifizierung bereits; wie verbreitet dauerhafte Sperren sind, ist noch nicht erkennbar.
Für Einzelnutzer gibt es nur eine praktikable Schlussfolgerung: zurück zum offiziellen OAuth-Login wechseln und den Abo-Key keiner Relay-Schicht mehr überlassen. Für Betreiber solcher Relays hilft ein Haftungsausschluss nicht gegen die technischen Mittel der Upstream-Anbieter, und die Anti-Betrugs-Schraube wird sich nur weiter zuziehen. Dieses Geschäft stand von Anfang an auf der vagen Grauzone fremder Nutzungsbedingungen – und sobald diese Grauzone klar benannt wird, verliert das Geschäft sein Fundament.
Quellen: öffentliche Aussagen des Codex-Teamleiters bei OpenAI, Readme und Haftungsausschluss des Open-Source-Repositorys sub2api, CocoLoop, gesammeltes Feedback aus der Entwickler-Community; Star- und Fork-Zahlen des Repositorys sowie der Ablauf von Kontingent-Anomalie und Komplett-Reset wurden anhand öffentlich zugänglicher Informationen geprüft.