Am 7. April, dem Tag der öffentlichen Ankündigung von Claude Mythos, drang eine unbekannte Discord-Organisation in das System des Modells ein.
Erst am 21. April bemerkte Anthropic den Vorfall – das Unternehmen brauchte volle zwei Wochen, um zu erkennen, dass das strengstens kontrollierte KI-Modell der Welt von einer Gruppe Fremder kostenlos genutzt wurde.
Wie die Gruppe eindrang
Der Weg lässt sich wie folgt zusammenfassen:
- Das KI-Trainings-Startup Mercor erlitt einen Datenleak, bei dem interne Anmeldedaten abflossen.
- Eine Discord-Gruppe beobachtete kontinuierlich GitHub, gezielt auf der Suche nach Informationen zu noch nicht veröffentlichten KI-Modellen.
- Mitglieder der Gruppe kombinierten die durchgesickerten Daten von Mercor mit den Zugangsdaten "eines Mitarbeiters eines Drittanbieters von Anthropic".
- Mithilfe von Netzwerkerkundungstools – wie sie im Sicherheitsforschungsbereich üblich sind – lokalisierten und erreichten sie die Vorschau-Umgebung von Mythos.
Bloomberg kontaktierte ein Mitglied der Organisation, das angab, man sei "nur an dem neuen Modell interessiert gewesen und habe keine Probleme verursachen wollen".
Ob man das glaubt, bleibt einem selbst überlassen.
Was Anthropic sagt
Die offizielle Stellungnahme lautet:
Wir untersuchen einen Bericht über unbefugten Zugriff auf die Vorschauversion von Claude Mythos, der aus der Umgebung eines unserer Drittanbieter stammt.
Der typische Tonfall der Unternehmenskrisenkommunikation. Keine Angaben zum Umfang des Eindringens, keine Informationen darüber, was die Gruppe gesehen hat, und keine Aussage dazu, ob Daten entwendet wurden.
Warum dieser Vorfall schwerwiegender ist, als er scheint
Mythos ist kein gewöhnliches unveröffentlichtes Modell.
Anthropic hatte bei der Ankündigung klargestellt, dass das Modell nur 40 geprüften Unternehmen zur Verfügung gestellt wird, da seine Leistungsfähigkeit bei Cyberangriffen eine interne Sicherheitsschwelle ausgelöst hatte. Mit anderen Worten: Anthropic selbst hielt es für zu riskant, es breit zu veröffentlichen.
Eine KI, die "zu gefährlich für eine öffentliche Veröffentlichung" ist, wurde 15 Tage lang von einer unbekannten Gruppe genutzt – das ist etwas völlig anderes als "jemand hat einen internen Chatbot getestet".
Entscheidend ist: Der Zugriff erfolgte am 7. April, genau am Tag der ersten Ankündigung von Mythos. Zwischen der Bekanntgabe und dem Eindringen lagen möglicherweise nur wenige Stunden.
Drittanbieter-Lieferkette: Die schwer zu schließende Lücke für KI-Unternehmen
Anthropics eigenes Sicherheitssystem mag gut sein. Doch der Einstiegspunkt lag diesmal nicht innerhalb von Anthropic, sondern bei einem Mitarbeiter eines Auftragnehmers.
Schnell wachsende KI-Unternehmen sind zwangsläufig auf viele externe Anbieter angewiesen – für Datenkennzeichnung, Infrastruktur, Tests und Compliance-Prüfungen. Jeder dieser Anknüpfungspunkte ist eine potenzielle Schwachstelle.
Der diesmalige Weg war: Mercor-Leak → Konto eines Anbietermitarbeiters → interne Vorschau-Umgebung von Anthropic. Jeder Schritt war "das Problem eines anderen", wurde aber letztlich zu Anthropics eigenem Problem.
OpenAI, Google und Meta hatten alle ähnliche Sicherheitsvorfälle in der Lieferkette – der Unterschied liegt nur darin, welcher davon in die Schlagzeilen gerät.
Was hat die Gruppe getan?
Das ist derzeit unbekannt. Bloomberg hat nichts veröffentlicht, und Anthropic hat nichts gesagt.
Sie könnten lediglich die Modellgrenzen getestet, einige Benchmarks durchgeführt oder etwas extrahiert und mitgenommen haben. Die Aussage "wir wollten keine Probleme verursachen" lässt sich auf keine Weise überprüfen.
Anthropic steht nun vor folgender Situation: Bis die Untersuchung abgeschlossen ist, weiß das Unternehmen selbst nicht vollständig, was in dieser Vorschau-Umgebung passiert ist.
Quellenangabe: Some Unknown Group Is Reportedly Using Claude Mythos Without Permission (Gizmodo); CocoLoop, Unauthorized Group Gains Access to Anthropic's Exclusive Cyber Tool Mythos (Cybersecurity News)