OpenAI hat am 7. Mai eine neue GPT-5.5-Variante vorgestellt: GPT-5.5-Cyber.
Das ist keine gewöhnliche öffentliche Vorschau. Der Zugang ist auf geprüfte Cybersicherheitsteams beschränkt, und ab dem 1. Juni muss die höchste Stufe phishing-resistente Hardware-Authentifizierung verwenden.
Der Zeitpunkt fällt auf: Anthropic hatte Claude Mythos erst wenige Wochen zuvor hinter ein eng begrenztes Unternehmensprogramm gestellt.
Was sich gegenüber dem Standardmodell ändert
OpenAI betont, dass diese erste Vorschau GPT-5.5 nicht sprunghaft mächtiger für Cyberoperationen machen soll. Entscheidend ist, dass das Modell bei legitimer Sicherheitsarbeit weniger restriktiv antwortet.
Dazu zählen Automatisierung für Red Teams, Proofs of Concept für Schwachstellen, Angriffssimulationen in realitätsnahen Umgebungen, Stresstests und die Validierung bereits gefundener Hochrisiko-Lücken.
Die Grenze bleibt klar. Anfragen zu Credential-Diebstahl, einsatzfähiger Malware oder Werkzeugen für reale Schäden bleiben ausgeschlossen. OpenAI erlaubt damit Übungen für den Verteidigungsfall, nicht den Angriff auf Dritte.
Drei Stufen, fast wie Exportkontrolle
GPT-5.5-Cyber ist die oberste Stufe im Programm Trusted Access for Cyber. Die öffentliche Stufe ist GPT-5.5 mit den normalen Sicherheitsleitplanken. Eine mittlere Stufe lockert einige Vorgaben für registrierte Sicherheitsabläufe. Die höchste Stufe richtet sich an geprüfte Red Teams und Penetration-Testing-Gruppen.
Jede Stufe verlangt Identitätsnachweise und Unterlagen zum Einsatzzweck. Konten sind an reale Identitäten gebunden, alle Aufrufe werden protokolliert, und der Zugang kann widerrufen werden. Ab 1. Juni braucht die höchste Stufe FIDO2 oder physische Sicherheitsschlüssel.
Die Logik ähnelt Exportkontrollen: Je sensibler die Fähigkeit, desto enger die Aufsicht.
Im Vergleich zu Claude Mythos
Das britische AI Security Institute testete GPT-5.5 und Mythos Preview mit derselben simulierten 32-stufigen Angriffskette gegen ein Unternehmen. GPT-5.5 schaffte sie zweimal in zehn Versuchen, Mythos Preview dreimal.
Beide liegen nur um 30 Prozent, sind aber bereits zu stark für eine unbeschränkte Freigabe. Auffällig ist zudem, dass GPT-5.5 eine Reverse-Engineering-Aufgabe eigenständig in 10 Minuten löste.
Anthropic sperrte Mythos Preview fast vollständig ab: 12 Bündnispartner und 40 ausgewählte Unternehmen. Im eigenen Sicherheitsbericht hieß es, Mythos habe eine 27 Jahre alte OpenBSD-Lücke und 271 Firefox-Schwachstellen gefunden.
OpenAI wählt einen anderen Weg. Die Tür steht etwas weiter offen, das Schloss ist aber härter. Mythos bleibt ein geschlossener Forschungskreislauf; GPT-5.5-Cyber soll breiter an Verteidiger gehen, abgesichert durch Kontrollen auf Kontoebene.
Die kommerzielle Logik
Mythos geschlossen zu halten, deutet darauf hin, dass Anthropic den Wert im internen Kreislauf sieht: Schwachstellen mit dem Modell finden und Unternehmen die Behebung verkaufen. OpenAI stellt das Modell dagegen als SaaS für die Sicherheitsbranche auf.
Die ersten Nutzer dürften große Sicherheitsanbieter sein. Ihr Bedarf an Penetrationstests ist hoch, ihre Zahlungsbereitschaft ebenfalls, und jeder Aufruf kann Daten für OpenAIs nächste Generation von Cyber-Modellen liefern.
Damit ist der Start zugleich ein Angriff auf Anthropics Verteidigermarkt und ein Datensammelprogramm. Die Pflicht zu Hardware-Schlüsseln ab 1. Juni richtet sich auch an Regulierer. Kurz nach dem CAISI-Vorprüfprotokoll setzt OpenAI offenbar eigene Regeln, bevor strengere Vorgaben festgeschrieben werden.
Quellen: OpenAI Opens GPT-5.5-Cyber to Vetted Security Researchers (WinBuzzer); CocoLoop, OpenAI tunes GPT-5.5-Cyber for more permissive security workflows (Help Net Security); OpenAI rolls out new GPT-5.5-Cyber to vetted cybersecurity teams (CNBC)