Wie das Halbleiter-Forschungshaus SemiAnalysis berichtet, hat Nvidia mehreren „Neoclouds“ (kleinen und mittleren Cloud-Anbietern, die auf die Vermietung von GPUs spezialisiert sind) die Teilnahme an der GTC Berlin verweigert. Grund sei, dass diese Firmen auf ihren Cloud-Plattformen Chips anderer Hersteller einsetzen, etwa AMD-GPUs oder Googles TPUs. SemiAnalysis gibt an, den Vorgang bestätigt zu haben, veröffentlicht aber keine Firmenliste.
Die GTC Berlin findet vom 20. bis 22. Oktober statt, Veranstaltungsorte sind unter anderem das Tempodrom und die STATION-Berlin. Den Berichten zufolge erfuhren die betroffenen Anbieter erst wenige Tage vor der Eröffnung von der Absage. Bis zum Redaktionsschluss hat sich Nvidia offiziell nicht geäußert; alle folgenden Angaben stammen aus dem SemiAnalysis-Bericht und seinen Wiedergaben und lassen sich derzeit nicht überprüfen.
Betroffen sind nur die Kleinen
Nach Darstellung von SemiAnalysis ist der Druck „selektiv“: Hyperscaler wie AWS und Microsoft Azure kaufen ebenfalls AMD-Chips und haben eigene Silizium-Entwicklungen, erfahren aber keine vergleichbare Behandlung. Der Bericht erklärt das mit ihrem enormen Einkaufsvolumen, gegen das Nvidia kaum Druckmittel habe.
Die Neoclouds befinden sich in einer anderen Lage. Nvidia ist ihr wichtigster Chiplieferant, zugleich Anteilseigner von Unternehmen wie CoreWeave und beteiligt sich auf verschiedene Weise an den Finanzierungsstrukturen einzelner Anbieter. Für eine Neocloud mit begrenzter Größe hängt von der Reihenfolge bei der Zuteilung der neuesten GPU-Generation und von Nvidias Unterstützung bei Finanzierung oder Börsengang unmittelbar die Existenz ab.
Dem Bericht zufolge denken einige Anbieter bereits über einen Lieferantenwechsel nach, und manche Manager überlegen, Chips anderer Hersteller „unauffällig“ anzubieten, um Nvidia nicht zu verärgern.
Drei Etappen in wenigen Monaten
Der Vorgang kommt nicht aus dem Nichts, wie ein Blick auf den zeitlichen Verlauf zeigt:
- Juni: SemiAnalysis veröffentlichte eine Reihe von Diskussionen, in denen mehrere Neocloud-Manager hinter vorgehaltener Hand Sorgen äußerten: Wer AMD-GPUs oder TPUs einsetze, ja sogar nur Netzwerkhardware eines anderen Herstellers als Nvidia, könne frühe Liefer-Kontingente verlieren oder die Unterstützung von Nvidia bei Finanzierung und Börsengang einbüßen.
- August: Laut Bericht bestellten viele Neoclouds AMD Instinct und Nvidia-GPUs in einem Verhältnis von nahezu 1:1; mindestens zwei Firmen setzten jeweils 10.000 GPUs beider Hersteller ein.
- Oktober: Die Befürchtung wurde Wirklichkeit, einige Anbieter blieben vor den Toren der GTC.
Auch die Marktzahlen dahinter verschieben sich. Nach den im Bericht zitierten Branchendaten gab es bis September mehr als 300 GPU-Anbieter im Neocloud-Segment, vor einem Jahr waren es etwa 209, ein Plus von 55 %; der Umsatz dieser Gruppe überstieg 2025 die Marke von 25 Mrd. US-Dollar. Nvidias Anteil am Umsatz mit KI-Beschleunigern soll von 87 % im Jahr 2024 auf rund 75 % in diesem Jahr sinken. Neoclouds entscheiden sich für AMD vor allem wegen des Preises, bei der Leistung liegt Nvidia weiterhin vorn.
Auch die Softwareebene lockert sich
In derselben Woche stellte Google mit TorchTPU ein natives TPU-Backend für PyTorch als Open Source bereit, AWS gab mit TorchNeuron ein natives Backend für Trainium bekannt, und Meta unterstützt beides im Hintergrund. Was Entwickler bislang an das Nvidia-Ökosystem band, waren zu einem großen Teil CUDA und die zugehörige Software; wenn die großen Frameworks den Hardwarewechsel zur Änderung eines Gerätenamens in einer Zeile machen, entscheiden bei der Hardwarewahl stärker Preis und Verfügbarkeit.
Darin liegt auch das Dilemma der Neoclouds: Ein weiterer Chiptyp kann die Kosten senken und mehr Kunden anziehen, kostet aber womöglich Punkte bei Nvidia. Ob sich die abgewiesenen Anbieter öffentlich äußern und ob Nvidia Klarheit schafft, ist derzeit offen; bislang rührt sich nichts.
Quellen: SemiAnalysis-Bericht, Crypto Briefing, CocoLoop, Dealroom; Marktanteile und Anbieterzahlen folgen den im Bericht zitierten Branchenstatistiken, die Liste der abgewiesenen Anbieter ist nicht öffentlich.