Anthropic hat der Desktop-App Claude Cowork einen eigenen, eingebauten Browser spendiert. Stößt eine Aufgabe auf eine Website, öffnet er sich von selbst in einer Seitenleiste: Claude navigiert, liest die Seite, klickt Buttons, tippt Text, füllt Formulare aus und bedient Portale ohne Connector – ganz ohne dass Nutzer eine Erweiterung installieren müssen. Der Rollout beginnt diese Woche für die Pläne Pro, Max und Team, auf macOS, Windows und Linux (Linux noch als Beta); beim Enterprise-Plan schalten Administratoren die Funktion in den Organisationseinstellungen frei. Sobald sie verfügbar ist, ist sie standardmäßig aktiv; wer zur alten Variante zurück will, kann im Cowork-Bereich der Einstellungen den bevorzugten Browser wechseln.
Isolation auf Ebene der Zugangsdaten
Dieser Browser ist technisch komplett getrennt vom alltäglichen Browser des Nutzers. Anthropic formuliert es unmissverständlich:
Claude never sees your tabs, bookmarks, or passwords.
Und Seiten, die einen Login erfordern? Nutzer können Zugangsdaten aus Chrome, Edge oder Firefox importieren und selbst auswählen, welche. Banken, E-Mail-Konten und Single-Sign-On-Seiten sind standardmäßig ausgeschlossen, solange man sie nicht ausdrücklich wieder hinzufügt.
Diese Standardregel verdient einen eigenen Blick. Sie zieht den Automatisierungsspielraum von Claude auf die zweitrangigen Systeme im Unternehmen: Lieferantenportale, Backends für Spesenabrechnungen, Bestellabfrageseiten – all die alten Websites ohne API, für die auch niemand einen MCP-Connector bauen wollte. Genau diese Systeme kosten am meisten manuelle Arbeit und betreffen am wenigsten Geld oder Identität. Dass Banken und E-Mail draußen bleiben, heißt im Klartext: Die beiden Kontotypen mit dem höchsten Fehlerrisiko sind von vornherein aus dem Spiel.
Arbeitsteilung mit der Chrome-Erweiterung
Anthropic zieht selbst die Grenze: Der eingebaute Browser eignet sich für Aufgaben nach dem Motto „gib Claude die Sache komplett ab“ – etwa Recherchematerial zusammentragen oder Rechnungen aus mehreren Lieferantenportalen in einer Tabelle bündeln. Claude in Chrome eignet sich dagegen für Aufgaben, bei denen „die Seite schon offen und das Konto schon eingeloggt ist“ – etwa CRM-Einträge aktualisieren oder E-Mails bearbeiten. Beide Kanäle bleiben bestehen, Nutzer entscheiden selbst, welcher standardmäßig genutzt wird.
Der praktische Grund für diese Aufteilung liegt nahe. Der Vorteil der Erweiterungs-Route ist, dass sie den Login-Status des Nutzers übernimmt – der Preis dafür ist eine unscharfe Berechtigungsgrenze: Claude steht in Ihrem bereits eingeloggten Chrome und sieht weit mehr, als eine einzelne Aufgabe eigentlich braucht. Der eigenständige Browser kappt diese Vererbung; im Gegenzug muss der Login auf jeder Seite neu gelöst werden, dafür bleibt es kontrollierbar.
Prompt Injection ist noch ungelöst
Beim Thema Sicherheit übertreibt Anthropic nicht. Der eingebaute Browser übernimmt die Prompt-Injection-Abwehr von Claude in Chrome und gleicht Claudes Aktionen mit der ursprünglichen Anfrage des Nutzers ab. Offiziell heißt es dazu, diese Maßnahmen "meaningfully reduce the risk but can't eliminate it", weshalb Nutzern empfohlen wird, zunächst nur vertrauenswürdige Websites zu verwenden.
Bei einem Browser-Agenten, der selbst klicken und tippen kann, lässt sich jeder Text auf einer Seite potenziell als Befehl missverstehen. Die Isolation von Tabs und Passwörtern löst die Frage, was Claude sehen darf – nicht die Frage, wem es gehorcht. Ersteres ist eine Frage des Berechtigungsdesigns, Letzteres eine Frage der Modellfähigkeit, und für beide gibt es bislang von keinem Anbieter eine saubere Antwort.
Voraussetzung: die Desktop-App
Eine leicht zu übersehende Einschränkung: Der eingebaute Browser läuft nur in der Desktop-App. Auch die Web-Version kann ihn nutzen, allerdings nur, solange die Desktop-App geöffnet ist und die Verbindung hält – der Prozess, der die Aktionen tatsächlich ausführt, läuft auf dem eigenen Rechner des Nutzers.
Ein Blick auf die Konkurrenz macht die Einordnung klarer. OpenAI hat seinen Atlas-Browser dieses Jahr eingestellt, Google hat Gemini in die Chrome-Seitenleiste gepackt, und Anthropic behält nun beide Kanäle parallel: Erweiterung und selbst gebauten Browser. Gemeinsam ist allen dreien, dass keiner die Nutzer zu einem Browserwechsel bewegen will; der Unterschied liegt darin, dass Anthropic den „Browser für den Agenten“ und den „Browser für den Menschen“ in zwei getrennte Prozesse aufgeteilt hat.
Quellen: offizieller Anthropic-Blog, CocoLoop, Claude-Hilfecenter; die Angaben zu Rollout-Umfang, Plattformunterstützung und Standard-Ausschlussregeln für Zugangsdaten wurden anhand der offiziellen Ankündigung geprüft.