Papst veröffentlicht erste Enzyklika zu KI, erstmals seit 135 Jahren

Um 11:30 Uhr römischer Zeit heute Morgen veröffentlichte Papst Leo XIV. im Vatikanischen Synodensaal offiziell seine erste Enzyklika, Magnifica Humanitas (lateinisch für 'Erhabene Menschlichkeit'). Mit ihm auf der Bühne stand Christopher Olah, Mitbegründer und Leiter der Interpretierbarkeitsforschung bei Anthropic. Das letzte Mal, dass der Vatikan so etwas tat, war 1891.

Ein historischer gemeinsamer Auftritt

Auf dem Podium saßen sechs Teilnehmer: drei Kardinäle (Víctor Manuel Fernández, Michael Czerny, Pietro Parolin), zwei Theologinnen (Anna Rowlands von der Durham University und Léocadie Lushombo von der Santa Clara University) sowie Christopher Olah von Anthropic. Der Papst selbst hielt die Eröffnungsrede und den Schlusssegen – dies bricht mit der Tradition, da Enzykliken normalerweise von Kardinälen ohne Anwesenheit des Papstes präsentiert werden.

Die Enzyklika wurde am 15. Mai unterzeichnet, genau am 135. Jahrestag der Unterzeichnung von Rerum Novarum durch Papst Leo XIII., das die Auswirkungen der industriellen Revolution auf die Arbeiter thematisierte und als Grundlage der modernen katholischen Soziallehre gilt. Mit der Wahl dieses Datums zog der derzeitige Papst einen klaren Parallel: KI im 21. Jahrhundert ist wie die Industrialisierung im 19. Jahrhundert.

America Magazine zitierte Charles C. Camosy: 'Das Oberhaupt der katholischen Kirche und einer der bedeutendsten KI-Forscher und -Führungskräfte der Welt, auf derselben Bühne, dasselbe Dokument präsentierend. Das ist noch nie passiert.'

Was das Dokument besagt

Obwohl der vollständige Text von Magnifica Humanitas noch nicht veröffentlicht wurde, sind aus Vorschauen drei Kernpunkte hervorgegangen:

  • KI kann moralische Verantwortung nicht ersetzen. Der Papst hat zuvor betont, dass KI nicht zulassen darf, dass Menschen Verantwortung ablehnen. Mit anderen Worten: Wenn eine Maschine eine Entscheidung trifft, muss ein Mensch sie abzeichnen.
  • Autonome Waffen sind eine rote Linie. Die Kirche setzt ihre traditionelle 'gerechte Krieg'-Doktrin fort – die Entfernung 'sinnvoller menschlicher Aufsicht' über Leben-und-Tod-Entscheidungen überschreitet eine rote Linie. Dies zielt direkt auf tödliche autonome Drohnen ab, die von Militärs weltweit entwickelt werden.
  • Effizienz ist nicht der einzige Maßstab. In Bereichen wie Medizin, Bildung und Kunst gibt es 'Güter, die der Praxis innewohnen', die von KI, die nur auf Effizienz aus ist, verdrängt würden. Die Botschaft des Papstes: Man kann KI nutzen, um die Diagnose zu beschleunigen, aber das Gespräch zwischen Arzt und Patient darf nicht ausgelassen werden.

Warum Olah, nicht Altman?

Der Vatikan lud Christopher Olah ein, nicht Sam Altman von OpenAI oder Demis Hassabis von DeepMind. Olah leitet die Interpretierbarkeitsforschung bei Anthropic, die sich darauf konzentriert, zu verstehen, was große Modelle denken, welche Neuronen welche Funktionen übernehmen und wie interne Signale aussehen, wenn ein Modell lügt. Dies ist der härteste und kommerziell am wenigsten lohnende Zweig der KI-Sicherheitsforschung.

Anthropic hat sich seit seiner Gründung als sicherheitsorientiert positioniert – eine natürliche Übereinstimmung mit der Botschaft der Kirche. Der Vatikan wählte Olah nicht von dem Unternehmen mit dem meisten Geld, sondern von dem mit dem am besten passenden Ansatz.

Hintergrund: Im Februar ging die Trump-Administration gegen Anthropic vor, weil das Unternehmen die militärische Nutzung seiner Modelle einschränkte, woraufhin Anthropic die Regierung verklagte. Der Fall ist noch anhängig. Die heutige Einladung des Vatikans kommt zu einem heiklen Zeitpunkt.

Was das bedeutet

Eine Enzyklika ist die höchste Form päpstlicher Lehre. Sie leitet die ethischen Urteile von 1,4 Milliarden Katholiken weltweit und beeinflusst die Politik katholischer Universitäten, Krankenhäuser und Schulen.

Erwartete Auswirkungen:

  • Globale katholische Krankenhäuser werden die ethischen Grenzen von KI-Diagnosetools überprüfen.
  • Von der Kirche betriebene Schulen werden KI-Nutzungsrichtlinien erlassen, möglicherweise die Nutzung von ChatGPT durch Schüler einschränken.
  • Waffenhersteller werden in Europa mit mehr Widerstand gegen autonome Waffen konfrontiert sein.
  • PR-Abteilungen von KI-Unternehmen werden wiederholt die 'Human-in-the-Loop'-Rhetorik zitieren.

Kirchliche Verlautbarungen sind kein Gesetz, aber die Kirche spielt das lange Spiel. Die Rerum Novarum von 1891 beeinflusste die politischen Rahmenbedingungen europäischer sozialdemokratischer Parteien im gesamten 20. Jahrhundert – Arbeitsrecht, Sozialversicherung, Gewerkschaftsrechte lagen alle in ihrem Einflussbereich.

Ob Magnifica Humanitas im KI-Zeitalter eine ähnliche verankernde Rolle spielen wird, ist unbekannt. Aber indem der Papst einem KI-Forscher einen Platz neben sich gab, hat die Kirche ein Signal gesendet: Sie beabsichtigt, sich einzumischen, nicht nur zuzuschauen.

In den nächsten sechs Monaten werden die PR-Abteilungen von KI-Unternehmen wahrscheinlich viel zu tun haben.

Quellen: CocoLoop, Pope Leo XIV to launch his first encyclical, a document on artificial intelligence, with Anthropic's co-founder (PBS NewsHour); Pope Leo's encyclical comes just in time: AI is raising questions only religion can answer (America Magazine); Pope Leo will publish first encyclical, Magnifica Humanitas, on AI (America Magazine Vatican Dispatch)