Gestern (23. April) tat Anthropic etwas Seltenes: Das Unternehmen gab öffentlich Fehler zu.
Nicht mit vagen PR-Formulierungen, sondern mit einer Auflistung von drei konkreten technischen Entscheidungen – wann sie geändert wurden, was geändert wurde, warum, welche Folgen sie hatten und wann sie rückgängig gemacht wurden.
Von Anfang März bis Mitte April überlagerten sich diese drei Änderungen und ließen Claude Code in den Augen der Nutzer zunehmend dümmer erscheinen. Viele dachten an eine Modellverschlechterung, doch tatsächlich handelte es sich um drei Entscheidungen, die auf konkrete Zeitpunkte zurückgeführt werden können.
Erster Fehler: Claude heimlich in den Sparmodus versetzt
Zeitpunkt: 4. März
Die Standard-Reasoning-Tiefe von Claude Code wurde von high (hoch) auf medium (mittel) geändert. Begründet wurde dies mit einer Reduzierung der Latenz, um schnellere Antworten zu ermöglichen.
Die Folge war, dass Nutzer deutlich spürten, dass Claude Code dümmer geworden war. Bei gleichen Fragen sank die Ausgabequalität.
Anthropics Fazit: „Dies war ein falscher Kompromiss. Wir haben diese Änderung am 7. April rückgängig gemacht, weil uns die Nutzer mitteilten, dass sie standardmäßig eine hohe Intelligenz bevorzugen und nur bei Bedarf aktiv eine niedrige Latenz wählen möchten."
Bereits Mitte März hatten zahlreiche Nutzer dies gemeldet, doch Anthropic gab damals keine öffentliche Erklärung. Erst jetzt wurde offiziell eingeräumt: Es handelte sich nicht um einen Bug, sondern um eine aktiv getroffene Fehlentscheidung.
Vom Auftreten des Problems bis zur Behebung: mehr als ein Monat.
Zweiter Fehler: Cache-Optimierung führte zu Vergesslichkeits-Bug
Zeitpunkt: 26. März
Das Engineering-Team verursachte bei der Optimierung des Caches einen Bug:
Normale Logik – der Sitzungscache wird erst gelöscht, wenn der Nutzer eine gewisse Zeit lang inaktiv ist. Nach dem Bug wurde er bei jeder Nachricht des Nutzers gelöscht.
Die Folge war, dass Claude in Gesprächen vergesslich und wiederholend wurde. Gerade Gesagtes wurde in der nächsten Nachricht vergessen. Nutzer hielten es für eine Verschlechterung der Intelligenz, doch tatsächlich handelte es sich um ein Speicherleck.
Anthropic dazu: „Dies ist nicht die Erfahrung, die Nutzer bei der Verwendung von Claude Code machen sollten."
Behebungszeitpunkt: 10. April.
Vom Auftreten des Problems bis zur Behebung: 15 Tage.
Dritter Fehler: Wortbegrenzung eingeführt, Leistung um 3 % gesunken
Zeitpunkt: 16. April
Anthropic änderte die System-Prompts und führte zwei Obergrenzen ein:
- Zwischen Tool-Aufrufen: maximal 25 Wörter
- Endgültige Antwort: maximal 100 Wörter
Ziel war es, Claude präziser zu machen. Interne Tests ergaben jedoch einen Leistungsabfall von 3 %.
Am 20. April wurde diese Änderung rückgängig gemacht.
Vom Auftreten des Problems bis zur Behebung: 4 Tage – deutlich schneller als beim zweiten Bug, da diesmal zumindest interne Testdaten zur Verfügung standen.
Drei Fehler überlagerten sich
Die Zeitleiste im Überblick:
| Änderungszeitpunkt | Konkreter Inhalt | Behebungszeitpunkt |
|---|---|---|
| 4. März | Reasoning-Tiefe high → medium | 7. April (>1 Monat) |
| 26. März | Cache-Bug, jedes Mal gelöscht | 10. April (15 Tage) |
| 16. April | Wortbegrenzung in System-Prompts | 20. April (4 Tage) |
Das Gefühl der Nutzer: Claude wurde ständig schlechter, aber es war nicht klar, wo das Problem lag.
Denn alle drei Probleme wirkten gleichzeitig. Die gemeldeten Symptome der Nutzer vermischten sich, und auch Anthropic selbst benötigte Zeit zur Identifikation.
Nach der öffentlichen Aufarbeitung
Anthropic verpflichtete sich zu drei Dingen: Verbesserung der Testprozesse, Vorabinformation der Nutzer über Änderungen und Zurücksetzung der Nutzungskontingente betroffener Konten.
Das Eingeständnis von Fehlern ist in der KI-Branche selten. Bereitwillig konkrete Zeitpunkte und Zahlen zu nennen, ohne Umschweife, ist besser als die meisten Unternehmen.
Ein Detail ist jedoch bemerkenswert: Der dritte Bug wurde veröffentlicht, nachdem Anthropic interne Tests durchgeführt hatte – und dennoch wurde der Leistungsabfall von 3 % erst danach entdeckt und die Änderung rückgängig gemacht. Der Testprozess selbst hat ihn nicht verhindert.
Dies ist kein Problem, das nur Anthropic betrifft. Was ist der Preis schneller Iterationen? Jede Veröffentlichung ist eine Wette auf die Fehlerwahrscheinlichkeit. Die Wahrnehmung der Nutzer, dass „KI schlechter geworden ist", akkumuliert sich und ist nur schwer sofort zuzuordnen.
Eine öffentliche Aufarbeitung kann diese Spannung nicht lösen, aber sie ist zumindest ein Anfang, sich ihr zu stellen.
Die nächste Frage ist: Kann der neu versprochene Testprozess tatsächlich eine ähnliche Änderung in Zukunft verhindern? Die Antwort wird man erst beim nächsten Problem erfahren.
Quellenangabe: Anthropic admits it dumbed down Claude with upgrades (The Register, CocoLoop, 23. April 2026); AI Dispatch: Daily Trends and Innovations – April 23, 2026 (Hipther, 23. April 2026)